Dirck van Baburen

Die Pflege des hl. Sebastian, um 1622

Baburen zählt mit Gerard van Honthorst und Hendrick ter Brugghen zu den wichtigsten Meistern der Utrechter Caravaggisten. Vom Martyrium des Heiligen unter Kaiser Diokletian berichtet Jacobus de Voragine in der Legenda aurea. Nachdem Sebastian zum Tode verurteilt, an einen Baum gebunden und sein Körper von Pfeilen durchbohrt worden war, wurde er – vermeintlich tot – liegengelassen. Die Witwe Irene, die sein Begräbnis vorbereiten sollte, pflegte ihn gesund. Baburen zeigt den relativ unversehrten Körper des Heiligen, dem Irene vorsichtig einen Pfeil aus dem Oberkörper zieht. Eine alte Magd hält den Bewusstlosen umfasst, während sie mit der rechten Hand den Strick vom Baum löst. Baburens theatralische Komposition mit drei lebensgroßen Halbfiguren, die unmittelbar und nahezu ohne Abstand zum Betrachter in den Bildvordergrund gesetzt sind, sowie die dramatische Lichtführung offenbaren seine intensive Beschäftigung mit den Werken Caravaggios. Durch die nackte Schulter Irenes bekommt das Bild eine wie zufällig erscheinende erotische Note.

Sandra Pisot
Die Pflege des Sebastian wird in den Annales ecclesiastici, einer Kirchengeschichte von Caesar Baronius (2. Bd., Rom 1590), ausführlich geschildert. Der Märtyrer war unter Kaiser Diocletian angeklagt, an einen Baum gebunden und von zahlreichen Pfeilen durchbohrt worden. Für tot gehalten und liegengelassen, wurde er den Annales zufolge von Irene zu sich genommen und gepflegt. Entgegen der Tradition der Martyriums-Darstellungen ist der idealisierte Körper Sebastians von nur einem Pfeil durchbohrt, den Irene behutsam aus seiner Brust zieht. Mit ihrer Rechten hält sie den Arm des ohnmächtig Herabgesunkenen, während eine ältere Dienerin den Strick löst, mit dem er an den Baum gefesselt ist.1
Das Gemälde gilt als früheste Darstellung des Themas der Sebastianspflege im Norden, nach Spicer ist es nach der Rückkehr Baburens 1623 in Utrecht entstanden.2 Bereits zu Beginn seines Italienaufenthalts schuf er 1615 in Parma ein heute verschollenes Gemälde mit dem Martyrium des Heiligen.3 Bei der Sebastianspflege in Greenville handelt es sich nach Slatkes um eine Kopie danach.4 Die Figur der Irene ist hier in nahezu identischer Haltung wiedergegeben. Eine weitere, Baburen zugeschriebene Version der Sebastianspflege, nach Gaskell möglicherweise das Gemälde aus Parma, befindet sich in Madrid.5 Die helle Farbgebung unterscheidet Inv. 788 von den genannten Gemälden, aber auch von den caravaggesken Darstellungen des gleichen Themas, die als Vorbilder für Baburen gelten: Die Sebastianspflege von Giovanni Battista Paggi in Florenz (vor 1618) und das Gemälde eines Anonymus, heute in Moskau.6 Slatkes verweist auf eine Zeichnung von David de Haen mit der Schindung des Marsyas, die eine vergleichbare Figurenanordnung zeigt.7
Die Haltung Sebastians wiederholt die des toten Christus auf Baburens Grablegung in Rom.8 Die alte Dienerin taucht als Kupplerin auf den Gemälden in Boston (1622), Würzburg (1623) und Mainz wieder auf,9 während Irene der Granida auf Baburens Granida und Daifilo von 1623 ähnelt.10 Die Ausführung des Gewandes der Irene wirkt im Unterschied zu anderen Gemälden stark vereinfacht, dem Gesicht der Alten fehlt die für Baburen charakteristische breite Pinselführung. Möglicherweise handelt es sich um die Werkstatt-Replik eines verschollenen Originals. Eine weitere, leicht variierte Wiederholung, vermutlich eine spätere Kopie, befand sich 1971 im Kunsthandel.11
In der unmittelbaren Nachfolge Baburens stehen die Gemälde der Utrechter Maler Jan van Bijlert (1624)12 und Hendrick ter Brugghen (1625)13. Slatkes deutet das starke Interesse an dem Thema der Sebastianspflege im Kreis der Utrechter Caravaggisten als Ausdruck einer Friedenssehnsucht. 1621 war der zwölfjährige Waffenstillstand zwischen den sieben Provinzen und dem unter spanischer Herrschaft stehenden Süden aufgehoben worden.14 Die häufige Darstellung Sebastians, der als Pestheiliger verehrt wurde, mag auch auf die um 1624 wütende Pest zurückzuführen sein, an der vielleicht auch Baburen starb. Vermutlich waren die Gemälde in Hospitälern aufgestellt.

Thomas Ketelsen 2001

1 Zur Überlieferungsgeschichte der hl. Irene s. Fritze 1990,
S. 4-14.
2 Masters of Light 1997/98, S. 160.
3 Ebd., S. 107, 160, Anm. 10, 11.
4 Lw., 221 x 147,4 cm, The Bob Jones University Collection of Sacred Art, Greenville, South Carolina; Slatkes in: Holländische Malerei in neuem Licht 1986, S. 129; Gaskell 1990, S. 503, Abb. 2.
5 Lw., 169 x 128 cm, Sammlung Thyssen-Bornemisza, Madrid, Inv. 1986.4; Gaskell 1990, S. 500-503.
6 Staatliches Puschkin-Museum für Bildende Künste, Moskau; Slatkes 1973, S. 269 f.
7 Ebd., S. 271. De Haen arbeitete 1617 in Rom gemeinsam mit Baburen an der Ausgestaltung der Pietà-Kapelle in San Pietro in Montorio.
8 Lw., 222 x 142 cm, San Pietro in Montorio, Rom.
9 Lw., 101 x 107,3 cm, Museum of Fine Arts, Boston, Inv. 50.2721; Lw., 109,2 x 132,1 cm, Residenzgalerie, Würzburg; Lw., 108 x 153 cm, Landesmuseum Mainz, Inv. 108. Nicolson 1989, Bd. 1, S. 55 f., Bd. 3, Abb. 1077, 1067, 1066.
10 Lw., 165,7 x 211,5 cm, Privatslg.; Nicolson 1989, Bd. 1,
S. 53, Bd. 3, Abb. 1070.
11 Lw., 109,5 x 149 cm, Verst. Berlin (Bassenge), 2.-5. 11. 1971, Nr. 10; möglicherweise identisch mit Lw., 108 x 133,3 cm, Verst. South Kensington (Christie's), 27. 10. 1999, Nr. 359 (als Werkstatt Baburens).
12 Lw., 113 x 100 cm, Graf Harrach'sche Familiensammlung, Rohrau, Inv. WF 276; Gaskell 1990, S. 502 f., Abb. 3.
13 Lw., 150,2 x 120 cm, The Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, Inv. 53.256; Masters of Light 1997/98, S. 158-162, Nr. 10.
14 Holländische Malerei in neuem Licht 1986, S. 130.

Lit.: Alfred Hentzen, Erwerbungen für die Gemälde-Galerie und die Sammlung Neuerer Plastik in den Jahren 1968 und 1969, in: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 14/15, 1970, S. 248, 250 f., Abb. 5; Richard E. Spear, Caravaggio and his Followers, Ausst. Kat. Cleveland Museum of Arts 1971, S. 168, Abb. 42; Leonard J. Slatkes, Additions to Dirck van Baburen, in: Album Amicorum J. G. van Gelder, Den Haag 1973, S. 267-273, Abb. 1; Eric Jan Sluijter, Een aanvulling op het œuvre van Gerard van Kuijl, in: Oud Holland 92, 1978, S. 246, Anm. 8; Benedict Nicolson, The International Caravaggesque Movement, Oxford 1979, S. 18, Abb. 119, 120; Gods, Saints & Heroes. Dutch Painting in the Age of Rembrandt, bearb. v. Albert Blankert u. a., Ausst. Kat. National Gallery of Art, Washington u. a. 1980, S. 110; Holländische Malerei in neuem Licht. Hendrick ter Brugghen und seine Zeitgenossen, bearb. v. Albert Blankert, Leonard J. Slatkes, Ausst. Kat. Centraal Museum, Utrecht, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig 1986, S. 128 f., Abb. 85, S. 197; Ivan Gaskell, The Thyssen-Bornemisza Collection. Seventeenth-Century Dutch and Flemish Painting, Stuttgart 1990, S. 502,
Anm. 15; Charlotte Fritze, Die Sebastianspflege als Thema der Malerei im 17. Jahrhundert, Magisterarbeit Hamburg 1990 (Ms.), S. 28-30, Abb. 45, 115, 116, 119; Benedict Nicolson, Caravaggism in Europe, 3 Bde., 2. überarb. Aufl. v. Luisa Vertova, Turin 1989, Bd. 1, S. 55, Bd. 3, Abb. 1071; Masters of Light. Dutch Painters in Utrecht During the Golden Age, bearb. v. Joaneath A. Spicer, Ausst. Kat. Fine Arts Museums, San Francisco u. a. 1997/98, S. 160, Abb. 1.

Details about this work

Öl auf Leinwand 108,8 x 153,5 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, Dauerleihgabe der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen, erworben 1969. Restauriert im Rahmen der Initiative »Kunst auf Lager« mit Mitteln der HERMANN REEMTSMA STIFTUNG, 2015 Inv. Nr.: HK-788 Collection: Alte Meister © SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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