Nan Goldin

The Ballad of Sexual Dependency, 1992

Nan Goldins Diashow von 45 Minuten Länge und 720 Bildern ist gleich einem visuellen Tagebuch. Es zeigt Fotos ihres persönlichen Umfelds und vermittelt einen Eindruck ihrer Generation im New York der 1980er und 1990er Jahre. Freunde und Bekannte der Künstlerin posieren in schäbigen Motelzimmern und verrauchten Clubs, privat oder öffentlich, mal allein, mal in der Gruppe. Immer sind es Fotos von starker Intimität. Sie sind mit klassischen Melodien, Lieblingsstücken Goldins sowie gängigen Popsongs unterlegt, die die Fotografien kommentieren und die Atmosphäre verstärken. Bilderflut und Soundtrack nehmen den Betrachter gefangen. Der Titel The Ballad of Sexual Dependency ist Bertolt Brechts Dreigroschenoper („Ballade von der sexuellen Hörigkeit“) entnommen und greift den Aspekt der Abhängigkeit und der Zwanghaftigkeit auf. Sexualität lockt verführerisch – auch schon bei Brecht –, im Zeitalter von Aids aber ist sie mit Tod und Verlust verbunden und von Gefühlen der Angst und Ohnmacht begleitet.

Mechthild Achelwilm
MF 1997 S. 72/73
Text: Christoph Heinrich

Nan Goldin öffnet ihr visuelles Tagebuch. Eine Diashow zeigt im Überblendverfahren Fotos von jungen Leuten - in schäbigen Motelzimmern und verrauchten Clubs, am Strand, im Auto, allein oder zu zweit. Vor der Kamera agieren Frauen und Männer, die um Selbstbestimmung ringend die bürgerlichen Bahnen verlassen haben. Die durch das Geschlecht vorgegebene Rolle tragen sie gleichermaßen als Bürde wie als spielerische Pose. Euphorie und Depression, Lebenshunger und die Angst vor dem Tod drücken sich in der Sucht nach dem Körper des anderen aus. Es ist ihre selbstgesuchte >Family<, an der Goldin das Kräfteverhältnis von Autonomie und Abhängigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen beobachtet. Ihr Blick ist nicht voyeuristisch, sondern der ei¬ner Beteiligten, und ihre Fotos sind Schnappschuss und sorgfältige Inszenierung zugleich: atmosphärisch dicht, süffig bunt und sprechend bis ins Detail. Die Dramaturgie wird durch Musikstücke bestimmt, mit denen Goldin ihr Werk gegliedert hat: Pop Musik, Soul, alte Schlager, dazwischen eine Arie der Callas. Die Musikstücke kommentieren die kurz aufscheinenden Fotos und appellieren hemmungslos ans Gefühl. Ein Strom von Bildern - ebenso verklärend wie schonungslos - zieht den Betrachter in die Szene hinein. Im Brennpunkt einer New Yorker Boheme der achtziger Jahre offenbaren sich Grundmuster menschlicher Beziehungen.
CH

Details about this work

Dia-Projektionsinstallation mit 694 Kleinbilddias (Farbe, inkl. 2 Credit-Dias) und programmiertem Soundtrack, 9 Dia-Projektoren für eine Projektionsfläche, 1 Steuergerät, 3 Programmboxen, 1 Programm/Tonband, Laufzeit: 45 min(?) Hamburger Kunsthalle Inv. Nr.: G-1995-7 Collection: Kunst der Gegenwart © Nan Goldin

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