Jan van der Heyden

Pavillon beim Huis ten Bosch

Mitte des 17. Jahrhunderts ließ Amalia van Solms, die Ehefrau des Statthalters Frederik Hendrik, das Lustschloss nordöstlich von Den Haag als Sommerresidenz errichten. Der Ingenieur und Architekturmaler van der Heyden widmete sich bevorzugt der Wiedergabe von Stadtansichten, deren Straßen und Plätze er mit akribischer Genauigkeit abbildete. Die Mitte des Bildes dominiert der von Efeu überwucherte Pavillon. Die vom Sonnenlicht beschienene Schlossanlage bleibt rechts im Hintergrund. Eingezogene Zierhecken lassen die Ausmaße der Anlage erahnen. Skulpturen, ein kleiner Gartenpavillon und ein umrankter, aufragender Obelisk zieren den Garten. In der Ferne links verweisen die dichten Baumkronen auf den Ort des Schlosses in einem parkähnlichen Waldstück. Vor der niedrigen Hecke, die die Schlossanlage von der Straße trennt, flaniert ein vornehm gekleidetes Paar mit seinem Windhund. Ein Mann wirft einen Blick über die Hecke, während der Gärtner links seiner Arbeit nachgeht. Die Staffagefiguren wurden von dem Maler Adriaen van de Velde eingefügt.

Sandra Pisot
Der Blick geht von Südosten auf einen der beiden efeubewachsenen Gartenpavillons des Schlosses Huis ten Bosch, das im Hintergrund rechts zu sehen ist. Das nahe Den Haag gelegene Schloß war zwischen 1645 und 1652 im Auftrag Amalie von Solms', der Gemahlin des Statthalters Frederik Hendrik, nach Plänen des Architekten Pieter Post errichtet worden, ebenso die Gartenanlage. Die reiche Innenausstattung des Schlosses diente der Verherrlichung des 1674 verstorbenen Statthalters. Rechts und links des mit Skulpturen geschmückten Ziergartens aus vier rechteckigen Broderie-Parterres befanden sich zwei langgestreckte, von Hainbuchenhecken gesäumte Boskett-Quartiere, im Zentrum je ein achteckiger Pavillon, das sog. Grüne Kabinett. Ein Stich von Jan Mathijs mit dem Grund- und Aufriß des Pavillons läßt einen galerieartigen Umlauf erkennen, auf den eine Treppe führt; von hier aus konnte der ganze Garten überblickt werden.3 Vor der niedrigen Hecke im Vordergrund wandelt ein vornehm gekleidetes Paar mit Page und Windhund, links ist ein Gärtner beschäftigt.
Die frühesten Darstellungen von Huis ten Bosch malte Jacob van der Croos bald nach dessen Vollendung. Wie dieser hat auch Van der Heyden Garten und Schloß mehrfach aus verschiedenen Blickrichtungen festgehalten. Das Bild in London, nahezu gleich groß wie Inv. 77, zeigt die Gartenfront des Schlosses mit den vier, auf hohen Postamenten stehenden Statuen; drei von ihnen sind auf dem Hamburger Bild zu sehen, die vierte ist durch einen Obelisken verborgen.4
Von den Gemälden in Hamburg und London existieren eigenhändige, im Format größere Wiederholungen in New York.5 Der Ausschnitt wurde zu den Seiten und nach oben erweitert; auch die Staffagefiguren unterscheiden sich. Auf einem weiteren, kleinformatigen Bild Van der Heydens von 1668 (1665?) ist der Pavillon von der entgegengesetzten Seite aus wiedergegeben. Wagner vermutet, daß die anderen Fassungen etwa gleichzeitig gemalt wurden.6 Von Inv. 77 existiert eine anonyme Kopie vom Beginn des 18. Jahrhunderts in Kleve.7
Die Staffagefiguren, zuletzt hinzugefügt, wurden in den Auktionskatalogen des 18. Jahrhunderts und im Katalog der Slg. Winckler dem Maler Adriaen van de Velde zugeschrieben.8 Bode, der Inv. 77 gegen Ende der siebziger Jahre datierte, schlug Eglon van der Neer als Maler vor.9 Für das Gemälde in London hat Brown die Figuren Van der Heyden selbst zugewiesen; gleiches ist für Inv. 77 anzunehmen.

Thomas Ketelsen 2001

1 L. de Vries, Post voor Jan van der Heyden, in: Oud Holland 89, 1975, S. 267-275; ders., Jan van der Heyden, Amsterdam 1984.
2 Im Exemplar des Kataloges der Slg. Hudtwalcker 1861, S. 83 (Staatsarchiv Hamburg), wurde Inv. 77 nachträglich handschriftlich aufgeführt. Hier finden sich auch die Hinweise auf die Sammlungen Testas, Hoet, Campe und schließlich Ritterich, »aus der ich [Hudtwalcker] es für 905 Mk. gekauft habe«.
3 Dumas 1992, S. 323 f., Abb. 2.
4 Eichenholz, 21,6 x 28,6 cm, National Gallery, London, Inv. 1914; Katalog London 1991, Bd. 1, S. 173 f., Bd. 2, Taf. 155, mit Hinweis auf Inv. 77.
5 Beide Holz, 39,1 x 55,2 cm, Metropolitan Museum of Art, New York, Inv. 64.65.3, Inv. 64.65.2; European Paintings in the Metropolitan Museum of Art by Artists born in or before 1865,
3 Bde., New York 1980, Bd. 1, S. 85, Bd. 3, Abb. S. 451; Wagner 1971, S. 97, Nr. 135, 134.
6 Ebd., S. 97, Nr. 137. Zu der gesamten Gruppe s. Dumas 1992, S. 323-329.
7 Lw., 24 x 32 cm, Städtisches Museum Haus Koekkoek, Kleve, Inv. 402/830; Katalog. Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Kunstgewerbe, bearb. v. G. de Werd, Kleve 1974, S. 32, Nr. 35, Abb. 18; Onder den Oranje boom. Niederländische Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen,
Ausst. Kat. Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld u. a. 1999, Katalogband, S. 147, Nr. 6/18.
8 Hoet 1752/1770, Bd. 3, S. 178, Nr. 27, S. 228, Nr. 92; Kreuchauf 1768, S. 146.
9 Bode 1886, S. 46; ders. 1915, S. 186.

Ausst.: Rembrandt und seine Zeit, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen 1949, Nr. 54; Park und Garten in der Malerei vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Wallraf-Richartz-Museum, Köln 1957, S. 13, Nr. 10, Taf. 7; La vie en Hollande au XVIIe siècle, Musée des Arts décoratifs, Paris 1967, Nr. 48, Abb. Taf. 14;
Lit.: Franz Wilhelm Kreuchauf, Historische Erklaerungen der Gemaelde, welche Herr Gottfried Winckler in Leipzig gesammelt, Leipzig 1768, S. 146, Nr. 369; Katalog der Hofrath Ritterich'schen Gemäldesammlung in Leipzig, Leipzig 1860, Nr. 33; Bode 1886, S. 45 f.; Leithäuser 1889, S. 29; C. G. 't Hooft, Amsterdamsche stadsgezichten van Jan van der Heyden, Amsterdam 1912, S. 12; Wilhelm Bode, Jan van der Heyden, in: Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. 26, 1915, S. 185 f.; Wilhelm Bode, Die Meister der niederländischen und vlämischen Malerschulen, Leipzig 1917, S. 281, 283, 279, Abb.; Katalog 1918, S. 71; Katalog 1921, S. 74; Hofstede de Groot, Bd. 8, 1923, S. 379, Nr. 73; Katalog 1930, S. 69 f.; Katalog 1956, S. 77; Katalog 1966, S. 80; Meisterwerke 1969, Abb. 89; Helga Wagner, Jan van der Heyden 1637-1712, Amsterdam/Haarlem 1971, S. 97, Nr. 136, Abb. S. 158; Haagse Stadtgezichten 1550-1800. Topografische Schilderijen, bearb. v. Charles Dumas, Ausst. Kat. Haagse Historisch Museum 1991, S. 29, Abb. 26, S. 54, Anm. 96, S. 328, Anm. 24; Meisterwerke 1994, S. 45, Abb.

Details zu diesem Werk

Öl auf Eichenholz 22,1 x 29,5 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, erworben aus der Sammlung Hudtwalcker-Wesselhoeft, 1888 Inv. Nr.: HK-77 Sammlung: Alte Meister © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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