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Abraham Bloemaert

Landschaft mit Bauerngehöft, 1629

Wurde im Mittelalter und im 16. Jahrhundert die Landschaft noch als Ort der Landwirtschaft, der bäuerlichen Arbeiten im Jahreszyklus und der Vergnügungen des Adels angesehen, wandelte sich dieses Verständnis im 17. Jahrhundert. Landschaftsdarstellungen dienten fortan der geistigen Erbauung und Muße und wurden aus ihrer Verbindung mit körperlicher Arbeit herausgelöst. So rasten vor einem verfallenen Bauerngehöft mit Taubenschlag drei Bauernjungen. Eine auf ihren Stock gestützte Hausiererin trägt einen beladenen Korb auf dem Rücken und bietet ihre Waren feil. Selbst die Tiere geben sich dem Müßiggang hin. Fast verborgen bleibt die religiöse Szene links. Tobias, der von seinem Vater ausgeschickt wurde, seine Geldschuld einzutreiben, wird vom Erzengel Raphael begleitet. Seine zielgerichtete Wanderschaft steht in Kontrast zur faulen Untätigkeit der einfachen Landleute. Der Bauernjunge links richtet seinen Blick auf die Betrachter und wird doch selbst von drei Männern beobachtet, deren Köpfe hinter der Mauer und am Fenster des Hauses hervorragen.

Sandra Pisot
Vor einem verfallenen Gehöft mit Taubenhaus lagern drei Bauernjungen mit einem Hund; zwischen den abgestellten Körben links ist ein Mann zu entdecken. Die auf einen Stock gestützte alte Frau, eine Hausiererin, trägt einen Korb mit Haushaltsgerät auf dem Rücken. Die Gruppe wird von drei Männern beobachtet, deren Köpfe hinter der Mauer und aus dem Fenster des Hauses hervorschauen. Vor dem Haus liegt ein Schwein. Links öffnet sich der Blick in eine hügelige Landschaft, auf dem Weg schreiten Tobias und der Erzengel Raphael. Der junge Tobias war von seinem Vater ausgesandt worden, um eine Geldschuld einzutreiben (Tob. 6,2); unter dem Schutz des Erzengels bestand er die Gefahren seiner Reise.2
Van Mander zufolge verwendete Bloemaert Zeichnungen nach der Natur als Vorlagen.3 Mit Inv. 732 lassen sich mehrere Zeichnungen in Verbindung bringen: Studien zu der alten Frau4, den zwei Lagernden links5, dem verfallenen Haus6 und der Mauer im Hintergrund.7 Eine Zeichnung von 1650 greift das Motiv des Bauernhauses wieder auf.8
Acht Gemälde mit der Geschichte von Tobias und dem Engel sind bekannt; das früheste entstand um 1605,9 das späteste datierte stammt von 1640.10 Inv. 732 am nächsten kommt die Landschaft mit Bauerngehöft und Landvolk in Berlin, nach Roethlisberger nicht 1650, sondern 1630 zu datieren.11 Der Bauernhof wurde nach links und die veränderte Figurengruppe nach rechts versetzt. Weitere Fassungen befinden sich in Minneapolis12 und Utrecht13, das in den Bäumen errichtete Taubenhaus hier das zentrale Motiv. Einzig auf einem Fragment in St. Petersburg erscheinen Tobias und der Engel als Hauptfiguren.14 Eine Dorfidylle mit Tobias und dem Engel wurde um 1612 von Jacob Matham gestochen.15
Vorbilder für die genrehaften Darstellungen mit kleinfigurigen biblischen Szenen im Hintergrund sind die Küchen- und Marktstücke von Pieter Aertsen und Joachim Beukelaer.16 Bloemaert kombiniert in seinen Gemälden wiederholt das Motiv des verfallenen Bauernhauses mit dem des Taubenhauses.17 Eine Radierung seines Sohnes Frederick gibt das Taubenhaus seitenverkehrt wieder.18 Die Hausiererin ist in einem 1632 datierten Gemälde als Einzelfigur dargestellt.19 Seine zumeist ruhenden oder schlafenden Landleute und Vagabunden werden als Sinnbild des Müßigganges gedeutet, hier stehen sie im Gegensatz zu dem zielgerichteten Handeln des Tobias.20
François Boucher (1703-1770) hat u. a. die alte Frau auf dem Blatt in der Eremitage nachgezeichnet, die als Vorlage für eine Radierung diente.21 Auch von den beiden Bauernjungen gibt es eine Radierung nach Boucher.22

Thomas Ketelsen 2001

1 Ungeklärt ist, wann das Gemälde die Herzogliche Galerie zu Meiningen verlassen hat (Winfried Wiegand, briefl. Mitt. vom 16. 3. 1995).
2 Zur Darstellung der Tobias-Geschichte s. Im Lichte Rembrandts 1994, S. 113-117.
3 Karel van Mander, Het Schilder-Boek, 2 Bde., hrsg. v.
H. Floerke, München/Leipzig 1906, Bd. 2, S. 359; s. auch Seelig 1997, S. 125, 233.
4 Kreide, lav., Eremitage, St. Petersburg, Inv. 25305; Kamenskaja 1937, S. 163, Nr. 27, Abb. 7; Slatkin 1976, Taf. 3.
5 Privatslg., Paris; s. Roethlisberger 1993, Bd. 1, S. 310.
6 Feder, lav., Eremitage, St. Petersburg, Inv. 25310; Kamenskaja 1937, S. 163, Nr. 34.
7 Kreide, lav., Prentenkabinet, Rijksmuseum, Amsterdam,
Inv. A 1159. K. G. Boon, Catalogue of Dutch and Flemish Drawings in the Rijksmuseum, Den Haag 1978, S. 26 f., Nr. 70. Eine Wiederholung Verst. New York (Sotheby's), 8. 1. 1991, Nr. 35, mit Hinweis auf Inv. 732.
8 Roethlisberger 1993, Bd. 1, S. 311.
9 Ebd., Bd. 1, S. 139 f., Nr. 92, Bd. 2, Abb. 157.
10 Ebd., Bd. 1, S. 345, Nr. 552, Bd. 2, Abb. 741.
11 Ebd., Bd. 1, S. 311 f., Nr. 483, Bd. 2, Abb. 665.
12 Ebd., Bd. 1, S. 276, Nr. 422, Bd. 2, Abb. 591.
13 Ebd., Bd. 1, S. 308 f., Nr. 478, Bd. 2, Abb. 660.
14 Ebd., Bd. 1, S. 141-143, Nr. 98, Bd. 2, Abb. 173. Die weiteren Darstellungen Bd. 1, S. 202, Nr. 260, Bd. 2, Abb. 383, ferner
Bd. 1, S. 140, Nr. 93.
15 Ebd., Bd. 1, S. 195, Nr. 228, Bd. 2, Abb. 347.
16 R. L. Falkenburg, »Alter Einoutus«: Over de aard en herkomst van Pieter Aertsens stillevenconceptie, in: Nederlands Kunsthistorisch Jaarboek 40, 1989, S. 41-66.
17 Vgl. das Gemälde von 1624 in Baltimore; Roethlisberger 1993, Bd. 1, S. 260 f., Nr. 391, Bd. 2, Abb. 552.
18 Ebd., Bd. 1, S. 306, Nr. 465, Bd. 2, Abb. 647; zu diesem Motiv bei Bloemaert s. ebd., Bd. 1, S. 30.
19 Ebd., Bd. 1, S. 321 f., Nr. 501, Bd. 2, Abb. 685.
20 Masters of Light. Dutch Painters in Utrecht During the Golden Age, bearb. v. J. A. Spicer, Ausst. Kat. Fine Arts Museums, San Francisco u. a. 1997/98, S. 184, Anm. 17, mit Hinweis auf Inv. 732. Zur Interpretation s. auch Roethlisberger 1993, Bd. 1, S. 29.
21 Slatkin 1976, S. 248, 250, Abb. 2.
22 Ebd., S. 250, Abb. 4. Die beiden Radierungen wurden zusammen mit anderen Radierungen nach Zeichnungen von Bloemaert in Bouchers Livre d'études d'après les desseins originaux de Blomart (1735) veröffentlicht.

Ausst.: Die Industrie als Kunstmäzen, Hamburger Kunsthalle 1952, S. 15, Nr. 21, Abb. 6; Luther und die Folgen für die Kunst, Hamburger Kunsthalle 1983, S. 357, Nr. 226.

Lit.: C. F. Förster, Katalog der Herzöglichen Gemälde-Gallerie zu Meiningen, Meiningen 1865, S. 18 f., Nr. 30; Paul Lehfeld, Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Bd. I,1: Meiningen, Jena 1909, S. 184 f. (als Kopie des 18. Jhs.); Cornelius Müller[-Hofstede], Abraham Bloemaert als Landschaftsmaler, in: Oud Holland 44, 1927, S. 198-200, 204, Abb. 6, S. 207; Gustav Delbanco, Der Maler Abraham Bloemaert (1564-1651), Straßburg 1928, S. 76, Nr. 34;
T. Kamenskaja, Unveröffentlichte Zeichnungen Abraham Bloemaerts in der Eremitage, in: Oud Holland 54, 1937, S. 154 f., 163 unter Nr. 27; Dietrich Roskamp, Neuerwerbungen der Kunsthalle, in: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 2, 1952, S. 6 f., Abb.; Nicolas Powell, Notes on German Art Collections since 1945, in: Burlington Magazine 96, 1954, S. 343, Abb. 12; Katalog 1956, S. 33; Meisterwerke 1958, S. 33, Nr. 20, Taf. 19; Katalog 1966, S. 33; Meisterwerke 1969, Abb. 71; Regina Shoolman Slatkin, Abraham Bloemaert and François Boucher: Affinity and Relationship, in: Master Drawings 14, 1976, S. 248 f., 254, Abb. 11; Het Oude Testament in de Schilderkunst van de Gouden Eeuw, bearb. v. Christian Tümpel, Ausst. Kat. Joods Historisch Museum Amsterdam 1991, S. 115, Abb. 80; Im Lichte Rembrandts. Das Alte Testament im Goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst, bearb. v. Christian Tümpel, Ausst. Kat. Westfälisches Landesmuseum Münster 1994, S. 114 f., Abb. 80; Marcel Roethlisberger, Abraham Bloemaert and his Sons, mit Biographien und Dokumentation v. Marten Jan Bok, 2 Bde., Gent 1993, Bd. 1, S. 37, 310 f., Nr. 482, Bd. 2, Abb. 664; Gero Seelig, Abraham Bloemaert (1566-1651). Studien zur Utrechter Malerei
um 1620, Berlin 1997, S. 294, Nr. A 32.

Details zu diesem Werk

Öl auf Leinwand 91,5 x 135,5 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, Geschenk von der »Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft«, 1950 Inv. Nr.: HK-732 Sammlung: Alte Meister © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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