Caspar David Friedrich
Tannenwald mit Wasserfall, 1828
Sattes Grün ist die bestimmende Farbe in diesem kleinformatigen Gemälde, Wald und Wasserfall sind seine Motive. Ein Felsblock sticht dabei heraus. Hell und flächig blockiert die kantige Form den Blick in die Tiefe und leitet ihn doch gerade dorthin. Unverrückbar verkeilt, bestimmt der Fels den Lauf eines Bachs, der entgegen dem Blick von hinten nach vorne fliest. Stromschnellen umspielen die Steine und gurgeln dem Vordergrund entgegen.
Statik und Dynamik sind Friedrichs zentrale Themen in diesem Gemälde. Sie sind als klare Gegensätze inszeniert, und doch wird zugleich auch die Uneindeutigkeit dieser Ordnung vorgeführt. Moose und Flechten erobern und verändern den Felsen, Gräser wachsen auf den Steinen, sogar Blumen blühen in Gelb und Orange. Auf dem unwirtlichen Stein entwickelt sich Leben. Das Bild ist deshalb auch als „Sinnbild von Frühling und Wiederbeginn“ gelesen worden und damit als Pendant zum Winterbild „Frühschnee“ (Hamburger Kunsthalle) (1) Gleichzeitig kann auch das frische Moosgrün nicht darüber hinwegtauschen, dass die geometrische, leicht nach unten verjüngte Form des zentralen Steins an einen Sarkophag oder eine massive Grabstele erinnert. Ein verdorrter Ast, von Friedrich verschiedentlich als Bildmotiv genutzt, ragt im Vordergrund empor. (2) Der eben noch quicklebendig sprudelnde Bach ist hier, da er das Wasserbecken erreicht hat, zu einer unbewegten Fläche erstarrt.
Hervorgerufen ist dies auch durch die Malweise. Waagerecht, streng parallel zum unteren Bildrand führte der Maler den Pinsel. Eine Entsprechung gibt es auch in der Vertikalen. Der Blick in die Tiefe des Waldes offenbart hinter der Lebendigkeit der Natur auch ihre Strenge und Klarheit. Zwischen den federnd sich auffächernden Tannenzweigen steigen senkrecht, säulenartig, nahezu sakral, die Stämme von Fichten auf.
Friedrich deutete so auf die rechteckige Form und Flächigkeit des Gemäldes. Auch die Farbigkeit verstärkt den Eindruck der Reflexion der Bildmittel. Für das Wasser fuhr der Maler fast die gesamte, erstaunlich vielfarbige Palette des Bildes auf. Das Grün der Vegetation spiegelt sich ebenso wie das rötliche Braun. Es verbindet die Wasserfläche im Vordergrund mit dem in der Tiefe durchscheinenden Waldboden und erlangt dadurch kompositorische Bedeutung. In einem nach unten und einem nach oben gewölbten Bogen beschreibt es die Form einer Hyperbel und markiert damit drei Bildbereiche. Zwischen den vergleichsweise einheitlichen Zonen von vertikal organisierten Bäumen und horizontal strukturierter Wasserfläche entfaltet der Mittelgrund eine Dynamik organischer Unberechenbarkeit.
Zusammen ergeben die Elemente das Gesamte der Natur. Und dazu gehört bei Friedrich immer auch das nicht direkt Sichtbare. Überraschend, licht, ja heiter blitzt ein helles Blau im Wasser auf. Wer sich umdreht, blickt vom Waldesdickicht in die Weite des Himmels.
Das Bild wurde wie „Frühschnee“ wohl 1828 in der Kunstausstellung der Dresdner Akademie präsentiert. (3) Es befand sich zeitweilig im Besitz des mit Friedrich eng befreundeten norwegischen Malers Johan Christian Dahl.
Katharina Hoins
(1) Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 412; Howoldt 2001, S. 40.
(2) Bei Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 412, als »Memento mori« gedeutet.
(3) Anonym 1828a; Sumowski 1970, S. 221.
Details zu diesem Werk
Stempel Rundherum in der Mitte ein Wappen: Rundherum in der Mitte ein Wappen: Rotes Lacksigel mit Legende: H. LÜDERS NOTAR. [oder NOTAE.] PUBL. IUR: ET. IMMATRIC.
Sumowski 274 (?); Börsch-Supan 362,
Caspar David Friedrich (1774 - 1840), 1828 - ? (1); ?Slg. Johan Christian Clausen Dahl (Bergen 24.2.1788 - 14.10. 1857 Dresden), Dresden, ? - ? (2); [...] (3); Galerie Weber, München, 1972 (4); Münchner Privatslg. 1973 (t); [...] (h); Verst. 19th Century European Paintings Drawings and Sculpture, Sotheby's, London, Nr. 15, 20.06.1989 (kein Zuschlag) (g); [...] (m); Verst. German and Austrian Art, Christie's, London, Nr. 19, 9.10.1997 (kein Zuschlag) (ö); Schweizer Privatslg., ? - 1999 (q); Galerie Römer, Zürich, ? - Oktober 1999 (v); Ankauf von dort mit Mitteln der Campe'schen Historischen Kunststiftung, Oktober 1999 (w)
1) Im Verzeichniß der vom 3. August 1828 an in der Königlich Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden öffentlich ausgestellten Kunstwerke heißt es: "619 Ein Fichtenwald im Winter. Oelgem. vom Professor Friedrich. / 620 Ein Wasserfall, eben so, von dems.", siehe: https://de.wikisource.org/wiki/Verzeichni%C3%9F_der_vom_3._August_1828_an_in_der_K%C3%B6niglich_S%C3%A4chsischen_Akademie_der_K%C3%BCnste_zu_Dresden_%C3%B6ffentlich_ausgestellten_Kunstwerke (8.12.2022).
Börsch-Supan argumentiert in seinem Gutachten außerdem: "Friedrich verzichtet bei diesen Wasserfällen auf jegliche Großartigkeit, die dem Motiv früher gewöhnlich eignete. Es handelt sich um eine kleinen Bach der zwischen den Felsen herabfließt und das geläufige Gleichnis für das Leben im Stadium der Jugend ist. Daher verlangt die Darstellung geradezu nach einem Gegenstück, das sich bereits seit 1906 mit dem m. E. nicht ganz korrekten Titel "Frühschnee" in der Hamburger Kunsthalle befindet. Siehe Gutachten FN 4).
2) Im WVZ Börsch-Supan/Jähnig heißt es hierzu, S. 412: "Wahrscheinlich zeitweilig im Besitz von Dahl. Das Bild erscheint jedoch nicht in dessen Bilderverzeichnissen." Die Annahme beruht vermutlich auf dem zweimal handschriftlich auf der Rückseite des Werkes aufgetragenen Namen "Dahl". Auch hier wird die Autorschafts Dahls vermutet. Im Gutachten von 1999 (siehe FN 4) schreibt Börsch-Supan zu Dahl: "Auf der Rückseite des Bildes habe ich seinerzeit zweimal die Aufschrift "Dahl" gelesen. Diese Aufschriften, vermutlich Besitzerangaben, sind offenbar entfernt worden, um irrtümliche Zuschreibungen an Dahl zu vermeiden. Auf dem Rahmen ist eine Inschrift "Dahl, Dresden" noch erkennbar. Es könnte sein, daß die Bilder früher als Werke Dahls gegolten haben. Deshalb kommen sie möglicherweise in der älteren Friedrich-Literatur nicht vor. Dahls Autorschaft ist unbedingt auszuschließen."
3) Bislang unbekannte Provenienz/en.
4) Helmut Börsch-Supan berichtet in seinem Gutachten vom 1.10.1999, er habe das Gemälde im Original 1972 in der Galerie Weber in München gesehen. Kopie des Gutachtens in Werkakte / Restaurierung.
t) Siehe WVZ Börsch-Supan/Jähnig 1973, S. 412. Ein Beleg für diese Provenienz wird nicht genannt.
h) Bislang unbekannte Provenienz/en.
g) https://de.artprice.com/artist/10425/caspar-david-friedrich/gemalde/20695632/a-waterfall-in-a-pine-forest?p=1 (8.12.2022). Der Schätzpreis war auf 700.000 £ - 1.000.000 £ (700.000 £ - 1.000.000 £ ) angesetzt. Hier mit dem Titel "A waterfall in a pine forest":
m) Bislang unbekannte Provenienz/en.
ö) https://de.artprice.com/artist/10425/caspar-david-friedrich/gemalde/913762/tannenwald-mit-wasserfall?p=1 (8.12.2022). Der Schätzpreis war auf 580.760 € - 871.140 € (400.000 £ - 600.000 £ ) angesetzt. Der Titel lautete hier "Tannenwald mit Wasserfall".
q) In einem Fax vom 22.2.2001 heißt es von Heidi Römer an Frau Anne Barz, Hamburger Kunsthalle, zur Herkunft des Werkes: "Hiermit bestätigen wir Ihnen, dass wir Ihnen das Gemälde von Caspar David Friedrich aus Privatbesitz vermittelt haben. Die Verkäufer bestehen jedoch auf strikter Anonymität." Fax siehe Werkakte.
v) Siehe Schriftverkehr in Werkakte.
w) Die Ankaufssumme belief sich auf SFr. 1.500,000 bzw. auf 1.880.000 DM. Beim Ankauf wurde keine Provenienzforschung durchgeführt.
Kein Befund in:
www.lostart.de (Friedrich, zuletzt 8.12.2022).
www.bildinex.de (eine Abb. ohne weiterführende Hinweise, zuletzt 8.12.2022).
Galerie Heinemann online (Friedrich, Wasserfall, zuletzt 8.12.2022).
CCP München (Friedrich, Wasserfall, zuletzt 8.12.2022).
Sonderauftrag Linz (Friedrich, Friedrich Schule, Wasserfall, zuletzt 8.12.2022).
Die Kunstsammlung Hermann Göring (Friedrich, Wasserfall, zuletzt 8.12.2022).
Eingesehen:
Werkakte (zuletzt 9.12.2022).
Akte der Restaurierung (19.12.2022).
Rückseitenbefund:
1 rotes Siegel auf Keilrahmen von einem "Notar H. Lüders". #
1 rotes Siegel von unbekannt. #
Stand: zuletzt 9., 19.12.2022, 23.1.2023, Ute Haug.
Status: in Bearbeitung (die mit # markierten Stellen sind noch zu ergänzen), ungeklärt, bedenklich.
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Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig, 1973, S. 412, Abb. S. 362, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 362
L'opera completa di Friedrich, Helmut Börsch-Supan, 1976, S. 105, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 178
Caspar David Friedrich-Studien, Werner Sumowski, 1970, S. 221, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 274
Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle, Helmut R. Leppien; Herausgeber: Uwe M. Schneede, 1993, S. 36, 37, Abb. S. S. 37, Abb.-Nr.
Caspar David Friedrich. Tannenwald mit Wasserfall, Jenns E. Howoldt, 2001, S. 40, 70, Abb. S. S. 40, S. 41 (Detail), Abb.-Nr.
Neuerwerbungen 1999/2000, 2001, S. 70, Abb.-Nr.
Nineteenth Century European Paintings, Drawings and Sculpture, Sotheby's; London, 1989, S. 28, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 15
Expedition Kunst. Die Entdeckung der Natur von C. D. Friedrich bis Humboldt; Hamburger Kunsthalle, 2002, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 80
Bilderpaare oder Einzelwerke ? Das Leben/Tod-Thema als Kriterium der Zuordnung, Reinhard Zimmermann, 2000, S. 252-253, Abb. S. 37, Abb.-Nr.
Caspar David Friedrich im Harz, Herrmann Zschoche, 2000, S. 94, Abb. S. 69, Abb.-Nr.
Parcours. Die Rücken der Bilder, Ute Haug; Hamburger Kunsthalle, 2004, S. 16-17, Abb. S. 10, Abb.-Nr.
Turner and Constable, Kasper Monrad; Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, 2004, S. 249, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 78
At close quarters. North European artists in nature, Kasper Monrad, 2004, S. 132, Abb.-Nr.
Verzeichniß der vom 3. August 1828 an in der Königl. Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden öffentlich ausgestellten Kunstwerke, Herausgeber: bearb. von Marianne Prause; Königlich Sächsische Akademie, Dresden, 1975, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 620
Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik, Herausgeber: Hubertus Gaßner; Museum Folkwang, Essen; Hamburger Kunsthalle, 2006, S. 288, 289, 376, Abb. S. S. 326, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. o. Nr., S. 376
Komposition. Hyperbel. Symmetrie und Gitterstrukturen. Rhythmische Folgen. Bildpaare und Serien, Hubertus Gaßner; Herausgeber: Hubertus Gaßner, 2006, S. 288, Abb.-Nr.
Caspar David Friedrich. Die Briefe, Herausgeber: Herrmann Zschoche, 2005, S. 198, Abb.-Nr.
Caspar David Friedrich - den besjälade naturen, Gunnarsson, Torsten; Nationalmuseum Stockholm, 2009, Abb. S. S. 6, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 55
Im Blickfeld. Die Jahre 1999/2000 in der Hamburger Kunsthalle, Herausgeber: Uwe M. Schneede, 2001, S. 40-41, Abb., 70, Abb.-Nr.
Objekt: Caspar David Friedrich der Landschaftsmaler. Studien zum künstlerischen Weg 1809 - 1840
Band 2, Herausgeber: Frank Richter, 2021, Abb. S. 78, Abb.-Nr.
Caspar David Friedrich: Kunst für eine neue Zeit, Friedrich, Caspar David , 1774-1840 (KünstlerIn); Illies, Florian , 1971- (VerfasserIn); Haug, Ute , 1966- (VerfasserIn); Völker, Andrea , 1987- (VerfasserIn); Hemkendreis, Anne (VerfasserIn); Keochakian, Eva (VerfasserIn); Lange-Berndt, Petra (VerfasserIn); Rübel, Dietmar , 19XX- (VerfasserIn); Scholl, Christian , 1971- (VerfasserIn); Stamm, Ruth (VerfasserIn); Ziche, Paul , 1967- (VerfasserIn); Bertsch, Markus , 1970- (HerausgeberIn) (VerfasserIn); Grave, Johannes , 1976- (HerausgeberIn) (VerfasserIn); Hamburger Kunsthalle (Herausgebendes Organ); Hatje-Cantz-Verlag (Verlag); Hamburger Kunsthalle, Abb. S. 179, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 93
Objekt, Abb. S. 260, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 90
Vergleich: Caspar David Friedrich - wo alles begann, Friedrich, Caspar David , 1774-1840 (KünstlerIn); Birkholz, Holger , 1968- (HerausgeberIn); Kuhlmann-Hodick, Petra , 1958- (HerausgeberIn); Buck, Stephanie , 1964- (HerausgeberIn); Wagner, Hilke , 1972- (HerausgeberIn); Alpermann, Linda (VerfasserIn); Amstutz, Nina , 1983- (VerfasserIn); Bielmeier, Katrin , 1975- (VerfasserIn); Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Herausgebendes Organ); Kupferstich-Kabinett (Gastgebende Institution); Albertinum (Gastgebende Institution); Sandstein Kommunikation GmbH (Verlag), 2024, S. 263, Abb. S. 262, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 181
Referenz: Caspar David Friedrich - der Landschaftsmaler, Richter, Frank , 1945- (VerfasserIn); Friedrich, Caspar David , 1774-1840 (KünstlerIn); Michael Imhof Verlag (Verlag), 2024, S. 344, Abb. S. 344, Abb.-Nr.