Jean-Baptiste Regnault

Freiheit oder Tod, 1794/95

Regnaults Bild, das sich seit 1846 in Hamburg befindet, ist eine Ikone der französischen Revolutionsmalerei. Es wurde 1795 zusammen mit einer größeren Version im Pariser Salon präsentiert. Das seit 1872 verschollene große Bild hing von 1799 bis 1805 im Palais Bourbon im Saal der Fünfhundert. Im Zentrum steht der motivisch an Raffaels Merkur in der Farnesina in Rom erinnernde Genius Frankreichs, seine Flügel zieren die Farben der Trikolore. Zu seiner Rechten sitzt etwas erhöht auf einem mit dem Ewigkeitssymbol der Schlange verzierten Thron die Personifikation der Französischen Republik mit den Attributen Jakobinermütze, Winkelmaß und Liktorenbündel. Zur Linken des Genius ist der Tod als Gerippe mit Sense dargestellt; auch seine Flügel tragen die Farben der Trikolore. Der Schlachtruf „Freiheit oder Tod“, eine Kurzform der Devise „Liberté, égalité, fraternité ou la mort“ von 1793, steht hier als Mahnung und dringlicher Aufruf, den eigenen Tod nicht zu scheuen, um die Republik Frankreich und ihre Ideale auf der unter der Figurengruppe wiedergegebenen Erdkugel auf ewig Wirklichkeit werden zu lassen.

Andreas Stolzenburg
Das kleine allegorische Gemälde Jean-Baptiste Regnaults, das sich seit1846 in der Städtischen Gallerie in Hamburg und seit 1869 in der Kunsthalle befindet, ist ikonographisch als eines der wichtigen Programmbilder der Revolutionsmalerei in Frankreich. Es war zusammen mit einer größeren im Auftrag des Staates entstandenen Version des Bildes mit einer Höhe von fast drei Metern im Pariser Salon 1795 ausgestellt. (Anm. 1) Ob das große Bild 1795–1805 wirklich im Saal der Fünfhundert im Palais Bourbon zu sehen war, ist unklar, es befand sich jedoch, wohl aufgrund seiner brisanten Ikonographie, sicher bis 1872 im Depot des Musée du Louvre; seitdem gilt es als verschollen. (Anm. 2)

Im Zentrum der Komposition steht der klassisch wirkende, typisch mit einer Flamme auf dem Kopf ausgestattete, geflügelte Genius der Freiheit – seine Flügel zeigen die Farben Rot, Weiß und Blau der französischen Trikolore –, dessen Figur formal direkt von Raffaels Merkur in der Farnesina in Rom entlehnt wurde (vgl. Inv.-Nr. 70397 und kb-1981-385k-95). Dies gilt nicht nur für die ausgebreiteten Arme, auch die (bei Regnault seitenverkehrt wiedergegebene) Fußstellung und die Gesichtszüge zeigen unverkennbare Gemeinsamkeiten. Die auf Raffaels Vorbild zurückgehenden, weit ausgebreiteten, den Betrachter auffordernden Arme des Genius erwarten die Opferbereitschaft des französischen Volkes. Zu seiner Rechten sitzt etwas erhöht auf einem mit dem Ewigkeitssymbol der Schlange verzierten Thron die Personifikation der Französischen Republik mit ihren Attributen Jakobinermütze, Winkelmaß und Liktorenbündel. Zur Linken des Genius findet sich der als irritierendes Gerippe mit Sense dargestellte Tod, seine ungewöhnlichen Flügel zeigen ebenfalls die Farben der Trikolore.

Die Deutung und die beabsichtigte Wirkung des Bildes waren in der Literatur lange umstritten. So wird der Titel Freiheit oder Tod (als Kurzform der republikanischen Devise „Liberté, Egalité ou la Mort“), den der Genius als Wahl zwischen den beiden ihn begleitenden Figuren „Freiheit“ und „Tod“ suggerieren soll, einerseits als Wahlmöglichkeit der französischen Bürger zwischen dem Tod oder der Freiheit verstanden. Dargestellt sind jedoch die Republik und der Tod. Es ist vielmehr so, dass hier konkret der Märtyrertod für die Freiheit bzw. die verklärte Republik – man beachte den leuchtenden Stern über ihrem Haupt – verherrlicht wird. Der Einzelne darf dieses möglicherweise das Leben kostenden Opfer nicht scheuen, um seinen Beitrag zum Wohl des Volkes und des Landes zu leisten und die Republik mit ihren freiheitlichen Idealen auf der unter ihr sichtbaren Erdkugel auf ewig Wirklichkeit werden zu lassen. (Anm. 3) Schon einige kritische und gemäßigte Zeitgenossen hatten die am 10. Oktober 1794, also nach dem Ende des Terrors unter Robespierre, der am 27. Juli 1794 gestürzt worden war – ihm hätte das Bild zweifellos bestens gefallen – vollendete große Fassung des Bildes und seine eindringliche und ganz offensichtliche Forderung nach einem den heilsbringenden Tod nicht scheuenden Einsatz als befremdlich beschrieben (Anm. 4)

Regnault war 1770 bis 1775 zusammen mit seinem Lehrer Jean Bardin zum Studium in Rom und erhielt 1776 den begehrten Prix de Rome für sein Gemälde Diogenes und Alexander. Er wird in Rom die Werke Raffaels vor Ort studiert haben, so sicher auch dessen Fresken in der Villa Farnesina. Die prägnante Figur des vom Himmel herabschwebenden Merkur in einem Zwickel der Loggia erscheint als Vorbild für den Genius Frankreichs in der Tat eine sehr gute Wahl Regnaults gewesen zu sein. Die durch Reproduktionsgraphiken und Kopien bestens bekannte Figur (vgl. Inv.-Nr. 1957-331) weckte bei den Betrachtern unterschwellig stets die Erinnerung an Raffaels Meisterwerk und nobilitierte auf genau kalkulierte Weise das in seinem einfachen formalen Aufbau schlagkräftige Potenzial des emblematischen Bildes. Dessen Problem war allein der für seine radikale Aussage zu späte Zeitpunkt der Fertigstellung, was ihm, außer in der kleinen Version ab 1846 öffentlich in Hamburg, in Paris ein beständiges Dasein im Dunkeln und von dort nach einer Ausleihe an ein französisches Provinzmuseum die bisher nicht aufgeklärte höchst wahrscheinliche Zerstörung einbrachte.
Andreas Stolzenburg

1 Ausst.-Kat. Paris 1795, S. 52, Nr. 421 („10 p. de haut sur 9 apartenant à la Nation“) und 424 („répétion en petit du grand“).
2 Ausst.-Kat. Paris 1974, S. 574; vgl. Ausst.-Kat. Hamburg 1989 mit Verweis auf Sells 1980, der behauptet, dass das Gemälde aufgrund der sich überstürzenden politischen Ereignisse dort nie öffentlich zu sehen war.
3 Siehe Stolzenburg 1988; Ausst.-Kat. Hamburg 1989, S. 300 (Beitrag Johannes Hartau).
4 Magasin encyclopédique ou Journal des Scienes et des lettres et des Arts 4 (1795), S. 480–482.

Details zu diesem Werk

Öl auf Leinwand 60 x 49,3 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, Geschenk O. C. Gaedechens, 1846 Inv. Nr.: HK-510 Sammlung: Alte Meister © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford / digital: Irrgang

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