Hamburger Meister, gen. Meister Francke

Die Anbetung des Kindes, um 1426

Teil des Thomas-Altars der hamburgischen Englandfahrer

Über den sogenannten Meister Francke ist nicht viel bekannt. Nur drei Werke können dem Meister zugeordnet werden, der vielleicht ein malender Dominikanermönch war. Die neun erhaltenen Tafeln des Thomas-Altars umfassen Szenen aus der Passion, dem Leben Mariens sowie dem Martyrium des heiligen Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury. Dieser war der Schutzpatron der hamburgischen Kaufmannschaft der Englandfahrer, die den Altar in Auftrag gab. Er wurde vermutlich 1436 in ihrer Kapelle in der Dominikanerkirche St. Johannis aufgestellt. Die Rekonstruktion der Tafeln lässt annehmen, dass das Retabel ursprünglich zweifach wandelbar war, wobei die äußersten Tafeln nicht mehr erhalten sind. Bei der ersten Öffnung waren die Marienszenen und die des heiligen Thomas zu sehen, die über denselben roten Hintergrund mit goldenen Sternen verfügen. Die zweite Öffnung gab den Blick auf die mit Goldgrund versehenen Passionsdarstellungen frei. Die klagenden Frauen am Kreuz sind ein Fragment der Mitteltafel, die einst eine Kreuzigung zeigte.

Anna Heinze
Neun Einzeltafeln in Tempera und Öl auf Eichenholz, gefasst in Metallschienen.4
ZUSTAND: Fragment der Mitteltafel 1928 von Übermalungen befreit; die übrigen Tafeln mit vergilbtem Firnis überzogen.
PROVENIENZ: Vermutlich am 28. 9. 1436 in der Kapelle der Englandfahrer in der Dominikanerkirche St. Johannis in Hamburg aufgestellt (Auftrag vom 4. 12. 1424?); Slg. des dänischen Hauptmanns Ferdinand von Kirchner; Großherzogliche Galerie in Schwerin 1859; dort 1898 aus Mitteln der Carl-Heine-Stiftung erworben.

490 Die Verhöhnung des hl. Thomas von Canterbury, 91,7 x 81,2 cm
491 Das Martyrium des hl. Thomas von Canterbury, 91,7 x 84,4 cm
492 Die Anbetung des Kindes, 91,8 x 81,5 cm
493 Die Anbetung der Könige, 91,8 x 84,3 cm
494 Die Geißelung Christi, 91,7 x 81,2 cm
495 Die Kreuztragung Christi, 91,7 x 81,5 cm
496 Die klagenden Frauen am Kreuz
(Fragment), 84,7 x 84,5 cm
497 Die Grablegung, 91,8 x 84,3 cm
498 Die Auferstehung, 91,6 x 84,2 cm

Die Rekonstruktion der Anordnung der Tafeln gründet sich auf einen Stich von Nikolaus Staphorst von 1731.5 Selten beachtet wurden dabei die offensichtlichen Abweichungen in der Wiedergabe der Bilder der Marienthematik von Inv. 492 und 493.
Der Stich von Staphorst lässt zwei Folgen in horizontaler Anlage erkennen: Er zeigt in der oberen Reihe eine Verkündigung an Maria, die Anbetung des Kindes (Inv. 492), die Anbetung der Könige (Inv. 493) und eine Darstellung im Tempel.
In der unteren Reihe zeigt Staphorst Die Londoner Synode des hl. Thomas von Canterbury, Die Verhöhnung des hl. Thomas (erhalten als Inv. 490?), Das Martyrium des hl. Thomas (Inv. 491?), Ludwig VII. von Frankreich am Grabe des hl. Thomas in Canterbury.
Von den bei Staphorst gezeigten acht Bildern eines aufgeklappten Altars wären dann heute noch vier erhalten. Man vermutet, dass bei einer weiteren Öffnung dieser Ansicht eine Passionsfolge mit weiteren fünf Gemälden zu sehen gewesen wäre. Davon wären dann heute noch vier sowie das untere linke Viertel der Mitteltafel in der Kunsthalle erhalten.6 Starke inhaltliche und stilistische Abweichungen der Tafeln untereinander wurden bei diesen Überlegungen ebenfalls selten berücksichtigt.7
Die Lesart der übrigen vorhandenen Tafeln wird angenommen als von links oben nach links unten und von rechts unten nach rechts oben. Somit zeigt die obere Tafel der Innenseite des linken inneren Flügels die Geißelung Christi (Inv. 494); die untere Tafel der Innenseite des linken inneren Flügels gilt der Kreuztragung (Inv. 495); die untere Tafel der Innenseite des rechten inneren Flügels zeigt die Grablegung (Inv. 497) und die obere Tafel der Innenseite des rechten inneren Flügels die Auferstehung (Inv. 498).
492 Die Anbetung des Kindes

Hier wurde offenbar eine in der übrigen Malerei der Zeit eher seltener illustrierte Quelle, das Liber celestis revelationum von 1377 der hl. Brigitta von Vadstena zur Vorlage genommen.8 Die Anbetung des nackten Kindes inmitten eines Strahlenkranzes durch Maria geschieht vor einer Erdhöhle, der Geburtshöhle, wie sie in der Vision der hl. Brigitta vorkommt. Maria hat ihren Mantel, der von drei Engeln gehalten wird, abgelegt und betet, nur mit einem weißen Untergewand bekleidet. Sie befindet sich links der die Mitte der Bildtafel durchschneidenden Strahlen, die Gottvater, aus einer Wolke herausblickend, auf das Kind zu senden scheint. Sie verbinden ihn und das Kind direkt. Aus dem Mund der Maria entrollt sich ein geschwungenes Spruchband mit der Inschrift dominus meus deus meus, Teil eines Ausspruchs, mit dem Maria laut Brigitta das Neugeborene begrüßt.9
Deutlichste Hinweise auf diese Texte sind die visionäre Stimmung, die von der hl. Brigitta tat-sächlich in Bethlehem gesehene, hier aber vermutlich aus byzantinischen Vorbildern entwickelte Geburtshöhle und das Motiv der betenden Maria im weißen Untergewand, während die Engel ihren blauen Mantel halten, was nur in der Brigittenvision vorkommt.

Details zu diesem Werk

Tempera und Öl auf Eichenholz 91,8 x 81,5 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, erworben mit Mitteln aus dem Vermächtnis von Beer Carl Heine, 1898 Inv. Nr.: HK-492 Sammlung: Alte Meister © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford