Pieter de Hooch

Der Liebesbote, um 1670

Die Bilder des Delfter Feinmalers de Hooch zeigen elegante häusliche Szenen aus dem privaten Leben wohlsituierter holländischer Bürger. Mit Hilfe von Perspektive und Lichtführung entsteht die Illusion eines Innenraumes, wird die reale Lebenswirklichkeit ironisierend und als moralische Ermahnung dargestellt. Geöffnete Türen sind wie geöffnete Fenster die Schnittstellen von privater und öffentlicher Welt. In diesem Bild empfängt eine vornehm gekleidete junge Frau einen Mann an der Tür, der ihr als Liebesbote im Auftrag seines Herrn einen Brief überbringt. Die Dame hält ihr Schoßhündchen im Arm und blickt dem Boten schüchtern, aber auch mit erwartungsvoller Neugier entgegen. Das Bild an der Wand zeigt einen Ausschnitt der biblischen Erzählung von Lot und seinen Töchtern und verstärkt mit dem Phallus an der Tür die moralisierende Deutung der Szene. Mit dem Brief trägt der Bote ein Signal aus der Außenwelt in diese ruhige Häuslichkeit. De Hooch suggerierte mit den Farben Blau, Gelb und Rot eine Art Einvernehmen zwischen den beiden Figuren.

Sandra Pisot
Ein vornehm gekleideter Mann ist durch die Tür in die geflieste Diele eines Bürgerhauses getreten und überreicht mit gesenktem Haupt einer jungen Frau respektvoll einen Brief. Sie hebt mit der Rechten ihr reich verziertes Seidenkleid an, mit der Linken hält sie ein Schoßhündchen. Sie scheint sich vom Virginal im Hinterzimmer erhoben zu haben, um den Boten zu empfangen, den der Hund zu ihren Füßen anknurrt. Durch die hellbeschienene Türlaibung mit der Signatur des Künstlers geht der Blick über einen Kanal auf die gegenüberliegende Häuserfront.
Das große, schwarz gerahmte Bild über dem Boten zeigt eine nackte Frau in den Armen einen älteren Mannes. Als Vorlage diente ein Ausschnitt aus Jan Saenredams Kupferstich Lot und seine Töchter (1597) nach einer Komposition von Hendrick Goltzius.(Anm. 3) Die erotische Szene wird als bildlicher Kommentar zur Briefübergabe gedeutet. Danach handelt es sich bei dem jungen Mann um einen Liebesboten, der im Auftrag seines Herrn einen Brief überbringt.(Anm. 4)
Das warme Goldgelb des Kleides, das leuchtende Karminrot des Stuhles und das Taubenblau des Mantels mit dem roten Aufschlag bestimmen den Farbeindruck.(Anm. 5) Einen besonderen Reiz stellen die farbigen Lichtreflexe dar, etwa das Rot im Kleid der Frau und in der Schleife des Hundes.
Bode datierte Inv. 184 in die Amsterdamer Zeit zwischen 1665 und 1670. Sutton nimmt eine Entstehung kurz vor dem 1670 datierten Bild in Amsterdam an, das ebenfalls eine Briefübergabe zeigt.(Anm. 6) In beiden Fällen wurde der Raum mit Hilfe zweier Distanzpunkte außerhalb des Bildes konstruiert.(Anm. 7) Motivische und malerische Übereinstimmungen bestehen auch mit dem Gemälde in Stockholm;(Anm. 8) dort liest eine junge Frau den Brief, der wohl von dem jungen Mann überbracht wurde. Er ähnelt dem auf Inv. 184.
Das Motiv des Schreibens, Lesens und Empfangens eines Briefes geht vermutlich auf Gerard ter Borch zurück.(Anm. 9)

Thomas Ketelsen 2001

1 Sutton 1980, S. 9 f.
2 Der Zweifel Suttons an der Identifizierung beruht darauf, daß das Gemälde in dem annoncierten Exemplar des Auktionskataloges im RKD als Kopie bezeichnet und zu einem sehr niedrigen Preis verkauft worden ist.
3 Hollstein 9. Zur Identifizierung s. Sutton 1998, S. 67, Abb. 67, 68. De Hooch hat das gleiche Motiv auf zwei weiteren Gemälden als Bild im Bild verwendet; ders. 1980, S. 102 f., Kat. 89, Abb. 92, S. 110, Kat. 118, Abb. 121.
4 Zur Funktion des Bildes im Bild s. Weber 1994, S. 287-314; ders. 1998, S. 259-307; zum Rahmen s. Sello 1995, S. 13.
5 Jantzen 1912, S. 28 ff.
6 Lw., 68 x 59 cm, Rijksmuseum, Amsterdam, Inv. C 147; Sutton 1980, S. 104, Kat. 94, Abb. 96.
7 Sutton 1998, S. 40-42.
8 Lw. auf Holz, 57 x 49 cm, Nationalmuseum Stockholm,
Inv. 471; Sutton 1980, S. 101, Kat. 85; ders. 1998, S. 166 f.,
Nr. 35.
9 Zum Einfluß Ter Borchs s. Sutton 1980, S. 36 f. Ein heute Ludolf de Jongh zugeschriebenes Gemälde mit einer Briefübergabe (Rothschild Collection, Ascott House) war bis 1938 ebenfalls De Hooch zugeschrieben; s. Fleischer 1989, S. 73, Abb. 88, mit Hinweis auf Inv. 184.

Lit.: Smith, Bd. 9, 1842, S. 566, Nr. 10; Katalog Slg. Hudtwalcker 1861, S. 85 f.; H. Havard, Pieter de Hooch, in: L'Art et les artistes hollandais, 4 Bde., Paris 1879-1881, Bd. 3, S. 116; Bode 1886, S. 22 f.; Leithäuser 1889, S. 45 f.; Hofstede de Groot, Proeve kritische beschrijving van het werk van Pieter de Hooch, in: Oud Holland 10, 1892, S. 182, Nr. 26; Hofstede de Groot, Bd. 1, 1907, S. 524 f., Nr. 182; Hans Jantzen, Farbenwahl und Farbengebung in der holländischen Malerei des XVII. Jahrhunderts, Parchim i. M. 1912, S. 32 f .; A. de Rudder, Pieter de Hooch, Brüssel 1913, S. 27, 102; Katalog 1918, S. 75; Katalog 1921, S. 78; J. H. J. Mellaart, An Unpublished Pieter de Hoogh, in: Burlington Magazine 43, 1923, S. 269 f.; Wilhelm R. Valentiner, Pieter de Hooch, 1, in: Art in America 15, 1926, S. 62; Clotilde Brière-Misme, Tableaux inédits ou peu connus de Pieter de Hooch, 2, in: Gazette des Beaux-Arts 69, 1927, S. 78 f., Abb.; Wilhelm R. Valentiner, Pieter de Hooch. Des Meisters Gemälde in 180 Abbildungen mit einem Anhang über die Genremaler um Pieter de Hooch, Berlin/ Leipzig 1929, S. XIX, S. 93, Abb., S. 279; Katalog 1930, S. 73 f.; Katalog 1956, S. 80; Katalog 1966, S. 83; Pieter C. Sutton, Pieter de Hooch, Complete Edition, Oxford/New York 1980, S. 37, 44, 101, Nr. 84, Abb. 87; Roland E. Fleischer, Ludolf de Jongh (1616-1679), Doornspijk 1989, S. 74, Abb. 90; Dieter Beaujean, Druckgraphik als Vorlage für Bilder in Bildern, in: Bulletin des Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique 41/42, 1992/93, S. 95 f., 94, Abb. 22 (Detail); Wayne E. Franits, Paragons of Virtue. Women and Domesticity in Seventeenth-Century Dutch Art, Cambridge 1993, S. 57, 61, Abb. 45, S. 210, Anm. 120; Meisterwerke 1994, S. 47, Abb., S. 225; Gregor J. M. Weber, ›om te bevestige(n), aente-raden, verbreeden ende vercieren‹. Rhetorische Exempellehre und die Struktur des ›Bildes im Bild‹, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 55, 1994, S. 289 f.; Thomas Sello, Der Rahmen ist das halbe Bild. Bilderrrahmen in der Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1995, S. 13; Gregor J. M. Weber, Vermeer's Use of the Picture-within-a-Picture. A new Approach, in: Vermeer Studies, hrsg. v. Ivan Gaskell, Michiel Jonker, National Gallery of Art, Washington 1998 (Studies in the History of Art, 55), S. 297 f., Abb. 5; Pieter Sutton, Pieter de Hooch, 1629-1684, Ausst. Kat. Dulwich Picture Gallery, Wadsworth Atheneum, 1998, S. 52 f., Abb. 53, S. 67, Abb. 68 (Detail).

Details zu diesem Werk

Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen 57 x 53 cm (Bild) Hamburger Kunsthalle, erworben aus der Sammlung Hudtwalcker-Wesselhoeft, 1888 Inv. Nr.: HK-184 Sammlung: Alte Meister © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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