Caspar David Friedrich

Felsblöcke und Bäume, 1799/1800

Friedrich ist nach seiner ersten Wanderung 1799 durch das Elbsandsteingebirge auch im Jahr danach von Juli bis September lange in der Sächsischen Schweiz gewandert. Anfang Juli hielt er sich am Hohnstein auf, wo er am 8. Juli die Toreinfahrt der Burg Hohnstein skizzierte und am nächsten Tag das sogenannte „Schinderloch“, eine noch heute existierende Öffnung des Bärengartens Hohnstein zum Schindergraben hin.(Anm. 1) Am selben Tag, dem 9. Juli 1800, entstand das Hamburger Blatt, das Hoch zufolge Felsblöcke und Bäume im Polenztal darstellt. Das Polenztal schließt an den Schindergraben an und diente als Wanderweg für Reisende Richtung Polenz. Hoch geht davon aus, dass es sich um Felsblöcke im ausgetrockneten Polenztal handelt, dass im Sommer 1800 von großer Wasserarmut betroffen war.(Anm. 2)
Die Datierung auf dem Hamburger Blatt trug ursprünglich die Jahreszahl 1799, ist dann aber nachträglich mit der Feder in 1800 korrigiert worden. Sigrid Hinz hatte deshalb eine Entstehung noch 1799 angenommen (Anm. 3), doch tragen mehrere Blätter dieser Folge, auf die unten eingegangen wird, dieselbe Korrektur der Jahreszahl. Diese Zeichnungen stimmen in Format und Technik, aber auch thematisch so sehr überein, dass kein Zweifel bestehen kann, dass sie erst 1800 auf der Wanderung in die Sächsische Schweiz entstanden sind.
Auf dem Verso befindet sich die Studie einer Felsformation mit nur angedeuteten Tannenstämmen, die gegenüber der rechts daneben befindlichen Studie eines Steges um 90° gedreht ist. Sie ist unleserlich beschriftet – möglicherweise Sebnitz (?) -, womit der Sebnitz-Bach gemeint sein könnte, der nach Sebnitz führt. Auch wenn eine solche topographische Bestimmung hypothetisch bleiben muss, gehört diese Skizze aufgrund der gleichen Technik und lockeren Zeichenweise in den Zusammenhang der Wanderung in der Umgebung von Hohnstein. Dies wird auch durch die andere, rechts daneben befindliche Skizze von Felsblöcken mit einer Stegbrücke bestätigt. Ein Blatt in Privatbesitz, das am 10. Juli entstand (Anm. 4), zeigt dieselbe Stegbrücke von der anderen Seite. Man kann also davon ausgehen, dass die Hamburger Skizze auch am 10. Juli entstand.
Ebenfalls in denselben Zusammenhang gehört ein weiteres am 10. Juli entstandenes Blatt mit der Darstellung von Felsblöcken (Anm. 5), sowie ein weiteres Blatt mit der Ansicht der Burg Hohnstein vom 8. Juli, auf dessen Verso sich übereinander zwei Felsstudien befinden, die bereits vom 7. Juli stammen.(Anm. 6) Vom gleichen Tag stammt auch das Verso der am 26. Juni 1799 entstandenen Ansicht von Hainichen (vgl. Inv.-Nr. 41092), das ebenfalls Felsblöcke in der Nähe von Hohnstein zeigen dürfte.
Alle genannten Blätter weisen ein einheitliches Format von ca. 380 x 237 mm auf, sie gehörten ehemals zum sogenannten „Großen Mannheimer Skizzenbuch“, das 1916 nach dem Ankauf eines Friedrich-Konvoluts von der Mannheimer Kunsthalle aufgelöst und die einzelnen Blätter weiterverkauft wurden, die heute in verschiedenen Sammlungen verwahrt werden.(Anm. 7) Die beiden Hamburger Blätter, die ehemals zum Skizzenbuch gehörten, müssen allerdings bereits vorher herausgelöst worden sein, da sie bereits 1906 von Harald Friedrich erworben wurden.
Das Skizzenbuch hat Friedrich zwischen dem 19. Juni 1799 und dem 20. September 1800 benutzt, doch hat ihm Grummt unter Vorbehalt ein weiteres Blatt vom 8. Juni 1799 zugeordnet.(Anm. 8) Auffallend ist, dass sich in dem Skizzenbuch nur selten Landschaftsdarstellungen finden, den Schwerpunkt bilden „detailgetreue Studien isolierter Pflanzen oder Steine.“ (Anm. 9) Friedrich erwanderte sich seine Motive meist allein und konzentrierte sich dabei auf die Einzelstudie, die kennzeichnend für die Blätter des „Großen Mannheimer Skizzenbuchs“ ist. Sie „zeigen ein freies Spiel zwischen gewonnenem Kunstvokabular und den in der Natur beobachteten Steinen in ihren individuellen Ausprägungen. In den Anordnungen sind Spannungen zwischen großer und kleiner Form, das In- und Übereinander der Steine, die Beleuchtung der Steinflächen, Aufsicht und Andeutung von Innenraum, der einzelne Stein in seiner Anordnung zum Ganzen einer Gesteinsmasse, zu Blatte gebracht. Dabei wird das Ansinnen Friedrichs, den Stein sowohl in seiner Eigenart als Naturelement als auch als Grundelement für die Bildtektonik zu erfassen, deutlich.“ (Anm. 10)
Dies geschah wohl nicht ohne Vorkenntnisse. Tina Grütter hat für Friedrichs bis 1800 entstandene Fels- und Gesteinsstudien auf den Einfluss von Johann Christian Klengel verwiesen (Anm. 11), der seit 1777 Mitglied der Dresdener Akademie war und seit 1800 Professor für Landschaftsmalerei war. Zwar hat sich Friedrich in den Blättern des „Großen Mannheimer Skizzenbuchs“ von Klengels idyllisch geprägter Auffassung emanzipiert, doch besteht zu seinen Arbeiten vor allem durch die für Friedrich ungewöhnliche, ausgesprochen malerisch-lockere Ausführung der Blätter des „Großen Mannheimer Skizzenbuchs“ eine Verbindung.
Die Felsengruppe auf dem Recto fand später leicht abgewandelt in dem Gemälde „Ausblick in das Elbtal“ Verwendung (Anm. 12) das Börsch-Supan um 1807 datiert. Die Benutzung der Zeichnung für eine Felsformation im Vordergrund des Gemäldes „Morgen im Riesengebirge“, die Börsch-Supan annimmt (Anm. 13), ist dagegen unzutreffend, die dortige Felsformation geht allein auf ein erst 1810 entstandenes Aquarell zurück, das Felsblöcke am Kochelfall zeigt.(Anm. 14)

Peter Prange

1 Schinderloch (Hohnstein), Bleistift, 380 x 237 mm, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett, Inv. Nr. VIII 1375, vgl. Grummt 2011, S. 222-223, Nr. 221, Abb. Die Bestimmung der Topographie geht auf Hoch 1995, S. 40, zurück.
2 Hoch 1995, S. 41.
3 Hinz 1968, S. 81, Nr. 120.
4 Studie eines Steges und eines Felsens, Bleistift, 377/380 x 237 mm, Privatbesitz, vgl. Grummt 2011, S. 225-226, Nr. 224, Abb. (recto). Den gleichen Steg zeigt zudem ein Blatt, das Grummt nicht als eigenhändig anerkennt: Felslandschaft mit Brückensteg, Pinsel in Braun über Bleistift, 185 x 284 mm, Privatbesitz, vgl. Grummt 2011, S. 948, Nr. III-52, Abb.
5 Hang mit Felsblöcken und Figur, Bleistift (?), Maße und Standort unbekannt, vgl. Grummt 2011, S. 225, Nr. 223, Abb.
6 Felsstudien, Bleistift, 380 x 237 mm (?), Standort unbekannt, vgl. Grummt 2011, S. 221-222, Abb.
7 Vgl. zum Bestand des Skizzenbuchs und seiner Auflösung Dickel 1991, S. 66-67.
8 Baum-, Pflanzen-, Segelboot-, Hund- und Figurenstudien, Feder in Schwarz (?), Bleistift, 380 x 235 mm, Standort unbekannt, vgl. Grummt 2011, S. 211-212, Abb.
9 Dickel 1991, S. 66.
10 Grütter 1986, S. 109.
11 Grütter 1986, S. 108.
12 Ausblick in das Elbtal, Öl/Lw, 61,5 x 80 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie, Inv. Nr. 2197 F, vgl. Börsch-Supan 1973, S. 297-298, Nr. 163, Abb.
13 Morgen im Riesengebirge, Öl/Lw, 108 x 170 cm, Berlin, Staatliche Schlösser Berlin und Brandenburg, Schloß Charlottenburg, Gem. Kat. I 6911, vgl. Börsch-Supan 1973, S. 315-316, Abb.
14 Felsblöcke am Kochelfall, Aquarell, Bleistift, Farbproben, 249 x 350 mm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv. Nr. C 2606, vgl. Grummt 2011, S. 611-612, Abb. Die Identifikation mit dem Gemälde in Berlin geht auf Hinz 1966, S. 68, Anm. 1, zurück.

Details zu diesem Werk

Schwarze Kreide 235 x 378 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, CC-BY-NC-SA 4.0 Inv. Nr.: 41096 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1800-1850 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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