Caspar David Friedrich

Flachlandschaft auf Rügen, 1801

Die beiden Blätter stammen aus dem Großen Rügener Skizzenbuch von 1801/1802, ihre Zuordnung zu dem Skizzenbuch geht auf Börsch-Supan zurück.(Anm. 1) Die Blätter dokumentieren zusammen mit anderen Friedrichs erste Reise in die Heimat (Anm. 2), die er im Frühjahr 1801 antrat, und wo er sich bis zum Sommer 1802 aufhielt. Im Juni 1801 unternahm Friedrich eine erste Wanderung auf Rügen, der sich im August eine zweite anschloss, über die wir durch erhaltene Tagebuchaufzeichnungen genau informiert sind. Nach diesen Notizen, die Karl-Ludwig Hoch veröffentlichte (Anm. 3), setzte Friedrich am 15. August von Stahlbrode mit der Glewitzer Fähre nach Rügen über und wanderte über Zudar nach Garz, wo er abends um 5 Uhr ankam. Am nächsten Tag wanderte Friedrich in östlicher Richtung nach Altkamp, wo eine Zeichnung mit der Insel Vilm entstand, die Friedrich in seinem Reisetagebuch unter N1 erwähnt, heute aber verschollen ist.(Anm. 4) Von dort wanderte er in nordöstlicher Richtung weiter und fand am gleichen Tag das Motiv für die Zeichnung N2, die sich in Hamburg befindet (Kat. 41095). Wilhelm Kästner hatte das Blatt 1940 als eine Ansicht von der Insel Vilm aus auf die Südküste Rügens mit Schloß Putbus bezeichnet (Anm. 5), doch ermöglichte der Fund des Tagebucheintrags eine neue Bestimmung der Topographie. In Friedrichs Reisetagebuch heißt es: „N2 ist grün das Schloß ist weiß rothes Dach aus Gr [?] Lange Hauß hat ein rothes Dach das welches vorne steht ist Strodach x ist rot angestrichen. Die Bäume im fordersten Dorfe sind [?] schmutzig grün das gelbe Kornfeld ist vorzüglich unter dem Bogen daß andere ist grau weil es Stapel ist daß hinderste Land unter [hinter?] dem Bogen ist weit entfernet. Die Kirche im Hintergrund ist rechts auf dem Dach roth sonst grau. Der Berg wovon es gezeichnet ist heißt Nevesaal [?] bei neue Kampf“.(Anm. 6) Der Standpunkt Friedrichs lässt sich nun dank der Forschungen von Hoch und Herrmann Zschoche recht präzise als höchsten Punkt einer Anhöhe südwestlich von Neukamp bestimmen, von wo der Blick über die Häuser von Glovitz und die Wreechener See nach Norden geht.(Anm. 7) Links ist eine nicht mehr stehende, doch in alten Karten eingetragene Windmühle sichtbar, rechts daneben Schloß Putbus vor dem Umbau, der rechts sichtbare Kirchturm muss laut Zschoche die Kirche von Vilmnitz sein, „neben der er rechts noch das außerhalb des normalen Blickfeldes liegende Mönchgut mit auf das Blatt bringt.“(Anm. 8) Dieser extrem breite Blickwinkel, der auch außerhalb des Augenfeldes liegende Landstriche einbezieht (Anm. 9), entspricht der panoramaartigen Landschaftsauffassung, wie sie typisch ist für die Ansichten aus dem Rügener Skizzenbuch. Die Skizze gibt bei nur geringer Höhe einen Landschaftsstreifen von ungewöhnlicher Breite wieder, die Weite der Rügener Landschaft vermittelt Friedrich dadurch genauso anschaulich wie durch den Himmel, der sich über zwei Drittel der Blatthöhe erhebt, und die Bildtiefe der Küstenlandschaft. Die Ansicht erfüllt exemplarisch Friedrichs Forderung nach einer Landschaft, „die sich nach allen Seiten öffnet.“(Anm. 10) Es handelt sich dabei um keine Momentaufnahme einer Aussicht im Sinne einer Vedute, sondern um die Zusammenführung verschiedener Wahrnehmungen, für die er sich möglicherweise des Fernrohrs bedient hat.(Anm. 11) Das Anliegen, die Weite der Flachlandschaft panoramaartig zu erfassen, hatte zur Folge, dass Friedrich das Skizzenbuchblatt nur etwa zu einem Drittel nutzte und die Landschaft einer „übergeordneten horizontalen Bildstruktur“ (Anm. 12) unterwarf, die Details wie das Schloß Putbus oder die Kirche von Vilmnitz weitgehend nivelliert. Der Bildstruktur entspricht die anspruchslose, reduzierte Zeichenweise, die mit der Feder nah und fern unterschiedslos erfasst.
Für das Verfahren, die klassische Zentralperspektive aufgrund des weiten Sehwinkels außer Kraft zu setzen und stattdessen durch eine Parallelprojektion zu ersetzen, hat Werner Busch auf die sogenannte Militärperspektive verwiesen, die in Perspektivtraktaten der Zeit aufgeführt wird, etwa bei Pierre-Henri Valenciennes, dessen besonders für die Landschaftsauffassung wichtiges Traktat aus dem Jahre 1799 bereits 1803 in deutscher Übersetzung erschien.(Anm. 13) Auch verweist Busch auf die sogenannten Horizontalblätter, die Christoph Nathe und Christian Haldenwang ihren 1803 von der Dessauer Chalcographischen Gesellschaft in zwei Heften herausgegebenen Aquatintaradierungen mit schlesischen Ansichten beigegeben hatten, von denen Haldenwang berichtete, dass er zum Zwecke der Anfertigung der Umrissradierungen eine „optische Glasplatte mit einem festen Augenpunkte zurichten“ werde, „auf und durch welche ich dann die Bergformen (Horizonte) geradezu zeichenen will.“ (Anm. 14) Es kann auch für Friedrich nicht ausgeschlossen werden, dass er sich optischer Hilfsmittel bediente, doch muss das dann unabhängig geschehen, weil die schlesischen Ansichten erst ab 1803 erschienen und somit für die Entwicklung von Friedrichs Zeichenstil unmaßgeblich sind. Wahrscheinlicher ist, dass Friedrich bereits in Kopenhagen ähnliche Verfahren kennengelernt hat; Grave verweist in diesem Zusammenhang auf panoramaartige Ansichten von Jens Juel (Anm. 15), die allerdings nicht die suggestive Kraft von Friedrichs Ansichten erreichen.
Das Blatt ist neben den nummerierten Quadrierungslinien an verschiedenen Stellen mit „ x“ und „o“ bezeichnet, die sich auf Farbangaben beziehen dürften.(Anm. 16) Friedrich dachte also von Beginn an eine spätere Verwendung der Motive als Aquarell oder Ölgemälde; Werner Sumowski hat erstmals darauf hingewiesen, dass Friedrich die quadrierte Studie für das zur verlorenen Rügenfolge gehörende Aquarell „Rügenlandschaft“ in Moskau verwendet hat.(Anm. 17)
Am nächsten Tag, dem 17. August, muss Friedrich nach Mönchgut gewandert oder mit dem Boot dorthin übergesetzt haben. Über die genaue topographische Bestimmung zweier an diesem Tag entstandener Zeichnungen in Hamburg und Dresden besteht in der Forschung keine Einigkeit. Wilhelm Kästner hatte das Hamburger Blatt als „Strand auf Mönchgut“ bestimmt (Anm. 18), worin ihm Sumowski präzisierend gefolgt ist, der das Blatt als Aufnahme des Groß-Zickerschen Höfts bestimmte.(Anm. 19) Zschoche schloss sich dieser Lokalisierung an und bestimmte einen Standpunkt bei Gager (Anm. 20), Werner Busch hingegen geht davon aus, das beide Zeichnungen die Ostküste von Mönchgut mit dem Blick auf das Nordperd darstellen. Friedrichs Standpunkt bestimmt Busch als „noch nicht einmal einen Kilometer südlich von Lobbe“, dargestellt sei der Blick auf das Nordperd mit der Ausbuchtung von Lobber Ort.(Anm. 21)
Während das Blatt in Dresden dieselbe topographische Situation aus geringerer Entfernung darstellt (Anm. 22), entspricht das Hamburger Blatt in seiner panoramaartigen Tiefenräumlichtkeit und dem weiten Himmel Kat. 41095. In seinem Reisetagebuch erwähnt es Friedrich unter N3: „In Vordergrund ist gelber Sand mit dünnes Graß die ufer ist gelber Sand die See war hinten am dunkelsten oben auf die vorderste Berg ist Kornfeld die Stange ist glaube ich die woran die Planger [?] steken soll.“ (Anm. 23) Die von Friedrich erwähnte Stange ist oben im zweiten Quadrat rechts zu erkennen, Zschoche und nach ihm Busch haben sie wohl zu Recht als Seefahrtszeichen gedeutet. Farbbezeichnungen fehlen auf dem Blatt, auch ist keine spätere Ausarbeitung als Aquarell wie bei Kat. 41095 bekannt. Allerdings gehen die Netze am Ufer in dem Gemälde „Frau am Ufer“ in Winterthur (Anm. 24) zumindest teilweise genauso auf das Hamburger Blatt zurück wie der Vordergrundstreifen im „Mönch am Meer“ (Anm. 25) und nahsichtiger die Landschaft in der Dresdner Federzeichnung „Zwei Männer auf das Meer weisend“.(Anm. 26) Das Hamburger Blatt dokumentiert Friedrichs Verständnis exemplarisch, die Naturstudie später in neuem Zusammenhang zu verwenden, zu verändern und zu variieren.(Anm. 27)

Peter Prange

1 Börsch-Supan 1960, S. 70.
2 Vgl. Grummt 2011, S. 290-316, Nr. 293-310, Abb.
3 Hoch 1985, S. 16-22.
4 Grummt 2011, S. 307, Nr. 305; Hoch 1985, S. 16-18.
5 Kästner 1940, S. 51.
6 Zitiert nach Hoch 1985, S. 17-18.
7 Zschoche 1998, S. 23.
8 Zschoche 1998, S. 24.
9 Anhand einer Karte lässt sich nachvollziehen, dass der Blickwinkel nahezu 180 Grad umfasst, vgl. Busch 2003, S. 50.
10 Vgl. Sehsucht. Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts, Ausst.-Kat. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1993, S. 107.
11 Busch 2003, S. 54.
12 Grave 2012, S. 81.
13 Pierre Henri de Valenciennes: Praktische Anleitung zur Linear= und Luftperspektive für Zeichner und Mahler. Nebst Betrachtungen über das Studium der Mahlerey überhaupt, und der Landschaftsmahlerey insbesondere. Aus dem Franz. übers. und mit Anmerk. und Zusätzen vermehrt von Johann Heinrich Meynier, 2 Bde., Hof 1803, vgl. Busch 2003, S. 54.
14 Zitiert nach Busch 2003, S. 55.
15 Grave 2012, S. 82.
16 Vergleichbare Angaben befinden sich auf einem Blatt in Frankfurt, auf dem die Farben benannt sind: Weite Landschaft mit Dorf und Brücke, Bleistift, Feder in Braun, 243 x 370 mm, Frankfurt am Main, Städel-Museum, Graphische Sammlung, Inv. Nr. 13947, vgl. Grummt 2011, S. 167-168, Nr. 148, Abb.
17 Sumowski 1970, S. 161, vgl. auch Grummt 2011, S. 771-772, Nr. 846, Abb. (seitenverkehrt).
18 Kästner 1940, S. 72.
19 Sumowski 1970, S. 157.
20 Zschoche 1998, S. 24.
21 Busch 2003, S. 57.
22 Südküste von Rügen mit Segelbooten, Feder in Braun über Bleistiftspuren, Pinsel in Grau, quadriert, 235 x 365 mm, Staatliche Kunstsammlungen zu Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv. Nr. C 1974-508, vgl. Grummt 2011, S. 310-313, Abb.
23 Zitiert nach Hoch 1985, S. 18-19.
24 Börsch-Supan 1973, S. 347, Nr. 248, Abb.
25 Mönch am Meer, Öl/Lw, 110 x 171,5 cm, Stfitung Preußische Schlösser und Gärten, Schloß Charlotteburg, Inv. Nr. GK I 1810, vgl. Börsch-Supan 1973, S. 302-304, Nr. 168, Abb. Auf den Zusammenhang zwischen Hamburger Blatt und dem Gemälde hat erstmals Ohara 1983, S. 226-228, hingewiesen.
26 Zwei Männer auf das Meer weisend, Feder in Schwarzgrau über Bleistiftspuren, 171 x 185 mm, Staatliche Kunstsammlungen zu Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv. Nr. C 1919-20, vgl. Grummt 2011, S. 661, Nr. 703, Abb.
27 Vgl. dazu Busch 2003, Kap. IV.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun über Bleistift, mit Bleistift quadriert 234 x 369 mm unteren Ecken beschnitten (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 41095 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1800-1850 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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