Hans Holbein d. Ä.

Madonna auf der Rasenbank, 1498 - 1499

Die Zeichnung gehört zu den frühen lavierten Federzeichnungen Holbeins, die meist als Reinzeichnungen oder Visierungen dienten. Charakteristisch für diese Blätter sind die exakte Federkonturierung und die Binnenlavierung zur Modellierung der Figuren und Draperien. Einzelne Linien wie Gewandfalten oder die Umrahmung der Rasenbank sind formelhaft mit dem Lineal gezogen, während der eigentliche Akzent auf die Gesten gelegt ist, etwa die gefalteten Hände des linken Engels oder das Anheben der Draperie durch den rechten Engel.
Schilling datierte das Blatt kurz vor 1500 und rückte es stilistisch in die Nähe der Weimarer „Madonna als Himmelskönigin“ (Anm. 1), die als Vorzeichnung für eine Goldschmiedearbeit gilt.(Anm. 2) Im Vergleich mit der Weimarer Zeichnung ist das Hamburger Blatt feiner ausgeführt und intimer im Charakter. Die Autorschaft Holbeins ist allgemein anerkannt, allein Krause erwähnt die Blätter – das Hamburger wie das Weimarer – als „Holbein zugeschriebene Zeichnungen“.(Anm. 3) Paecht hat dagegen beide Zeichnungen zur stilistischen Bestimmung der Miniaturen in der Simpertushandschrift angeführt, die er Holbein zuschreibt.(Anm. 4)
Die Hamburger Zeichnung hat vermutlich als Studie für ein verlorenes Gemälde gedient, das zeitlich den um 1495 und 1499 datierten Madonnenbildern in Nürnberg zuzuordnen wäre.(Anm. 5) Unser Blatt wird daher in diesen Zeitraum zu datieren sein.(Anm. 6) Am Beispiel der Nürnberger Tafeln hat Krause erläutert, wie Holbein niederländische Einflüsse mit oberdeutschen Motiven kombinierte.(Anm. 7) Dies kann auch für die Komposition der Hamburger Zeichnung gelten. So erinnert der Typus der Madonna an Memlings Madonnen (Anm. 8), während die Darstellung der Madonna auf der Rasenbank auf Martin Schongauers Stich (Bartsch 30) zurückgeht. Das Motiv der stillenden Madonna findet sich dagegen ähnlich auf einem Stich des Hausbuchmeisters, der um 1490 datiert wird.(Anm. 9)
Die in der Komposition verwandte Madonnendarstellung in Basel (Anm. 10) galt lange als Original Holbeins, später als Werkstattkopie nach der Hamburger Madonna.(Anm. 11) Auf Grund der Unterschiede in der Ausführung sah Landolt unsere Zeichnung zu Recht nicht als direkte Vorlage für das Basler Blatt an.(Anm. 12) Vielmehr werden beide Werke auf den gleichen Entwurf zurückgehen. Auch eine weitere „Madonna mit Engeln“ (Anm. 13) in Basel zeigt trotz ähnlicher Komposition wenig Gemeinsamkeiten mit unserer Zeichnung. Das Basler Blatt wurde früher Martin Schaffner zugeschrieben und gilt heute ebenfalls als Werkstattarbeit.

Petra Roettig

1 Schilling 1929, S. 14–15, Abb; Schilling 1933, S. 316–318, Abb. Die Zeichnung ist bei Norbert Lieb, Alfred Stange: Hans Holbein der Ältere, Augsburg 1960 nicht erwähnt.
2 Weimar, Klassik Stiftung Weimar und Kunstsammlungen, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. KK 127, vgl. Zeichnungen deutscher und Schweizer Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts, Ausst.-Kat. Weimar 1986, S. 79, Nr. 69, Abb.
3 Krause 2002, S. 57–59, Abb. 51 und 52.
4 München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30044, f. 1v und f. 39v, vgl. Paecht 1964, S. 24, Abb; Krause 2002, S. 76–78, Abb.
5 Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nrn. Gm 273 und Gm 279, vgl. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Die Gemälde des 16. Jahrhunderts, bearbeitet von Kurt Löcher unter Mitarbeit von Carola Gries, Stuttgart 1997, S. 275–280, Abb; Krause 2002, S. 79-85, Taf. IV und V, S. 198 und 199. Die Datierung des Madonnenbildes um 1495 (Gm 279) nach Krause 2002, S. 80 und Anm. 148. Löcher, S. 279 datiert die Tafel dagegen um 1502.
6 Landolt in Ausst.-Kat. Augsburg 1965, S. 102, Nr. 65, Abb. 67, setzt die Hamburger Zeichnung in die Frühzeit; Konrad 1990, S. 62, Taf. IX datiert das Blatt um 1495 auf Grund der Nähe zur Unterzeichnung der Donaueschinger Tafel der „Geburt Christi“, um 1494, Fürstlich Fürstenbergische Kunstsammlungen, Inv.-Nr. 121.
7 Krause 2002, S. 79-85.
8 Vgl. die Berliner Madonna, um 1480–90, Staatliche Museen, Inv.-Nr. 529 oder die „Thronende Madonna mit Kind“, um 1492–94, Granada, Capilla Real, vgl. Dirk de Vos: Hans Memling. Das Gesamtwerk, Stuttgart, Zürich 1994, S. 217–219, Nr. 54, Abb. und S. 330, Nr. 91, Abb.
9 Vgl. Vom Leben im späten Mittelalter. Der Hausbuchmeister oder Meister des Amsterdamer Kabinetts. Ausst.-Kat. Frankfurt am Main 1985, S. 104, Nr. 27, Abb.
10 Basel, Kunstmuseum, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. U. III. 66, vgl. Falk 1979, S. 87, Nr. 188, Taf. 54.
11 Vgl. Ausst.-Kat. Augsburg 1965, S. 114, Nr. 95.
12 Hanspeter Landolt: Die Zeichnungen Hans Holbeins des Älteren, Versuch einer Standortbestimmung, Habil. Schrift (ungedruckt), Basel 1961, S. 62, vgl. Falk 1979, S. 87, Nr. 188.
13 Basel, Kunstmuseum, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. U. III. 38a, vgl. Falk 1979, S. 94, Nr. 229, Taf. 60.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun, laviert 217 x 195 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 23905 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 15.-18. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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