Peter Paul Rubens, Umkreis

Zwei nackte weibliche Halbfiguren (nach Tizian), um 1600

Harzen inventarisierte die Zeichnung unter dem Namen des Anton van Dyck und sah bereits einen möglichen Bezug zu einem Gemälde Tizians. Jaffé (1969 bzw. 1971) identifizierte einen 1566 datierten Stich des Cornelis Cort als Vorlage (B. 157), der seinerseits zurückgeht auf Tizians Wiener Gemälde „Diana und Callisto“.(Anm.1) Damit galt das Hamburger Blatt als eine der frühesten, noch vor der Italienreise anzusetzenden Arbeiten des jungen Rubens. Dieser Auffassung folgten Mielke (1977) und Held (1982). Erst kürzlich wurden Zweifel geäußert von Jeremy Wood, der auf die zeichnerischen Schwächen verwies, und das Blatt, gemeinsam mit einer in gleicher Manier gearbeiteten Kopie nach einer Radierung Agostino Carraccis, eher dem Umkreis des Rubens’ zuweisen würde.(Anm.2) In der Tat zeigen andere Frühwerke wie der Berliner „Frauenakt nach Conrad Meit“ eine ungleich größere Vielfalt der zeichnerischen Ausdrucksmittel.(Anm. 3) Partien wie das Gesicht oder die erhobene linke Hand der Callisto wirken zu zaghaft und unentschieden für eine authentische Rubens-Zeichnung.

Annemarie Stefes

1 Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. GG 71. – Mit dem Thema der keuschen Jagdnymphe Callisto, deren Schwangerschaft von der Göttin Diana entdeckt und grausam bestraft wurde (Ovid, Metamorphosen, 2, 442–453), setzte sich Rubens wiederholt auseinander, vgl. eine Zeichnung in den Staatlichen Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 3239, Julius S. Held: Rubens. Selected Drawings, with an Introduction and a Critical Catalogues, London 1959, S. 93, Nr. 1, oder ein Gemälde in Madrid, Museo del Prado, Inv.-Nr. 729, Michael Jaffé: Rubens. Catalogo completo, Mailand 1989, Nr. 1352, um 1637/38. Tizians Gemälde „Diana und Callisto“, in der Version, die sich heute im Besitz des Herzogs von Sutherland befindet (Leihgabe an die National Gallery of Scotland, Edinburgh), diente als Vorlage für eine gemalte Replik in der Sammlung des Earl of Derby, Knowsley Hall, 1628/29, Michael Jaffé: Rubens. Catalogo completo, Mailand 1989, Nr. 978.
2 Freundliche Mitteilung vom 16. 4. 2010 unter Bezug auf Wood 2010. Die Kopie nach Agostino Caraccis „Lot und seine Töchter“ befindet sich in Kopenhagen, Statens Museum for Kunst, Kongelige Kobberstiksamling, Inv.-Nr. kksgb 6361, Jeremy Wood: Copies and Adaptations from Renaissance and Later Masters. II. Italian Artist, Titian and North Italian Art, Corpus Rubenianum Ludwig Burchard, Bd. 36, 2, Turnhout 2010, Nr. R 2.
3 Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 14713, Hans Mielke, Matthias Winner: Peter Paul Rubens. Kritischer Katalog der Zeichnungen. Originale - Umkreis - Kopien, Die Zeichnungen alter Meister im Berliner Kupferstichkabinett, Berlin 1977, Nr. 3.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun auf gelblichem Papier; Einfassungslinien (Feder in Braun) 95mm x 109mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 22783 Sammlung: KK Zeichnungen, Niederlande, 15.- 19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang, CC-BY-NC-SA 4.0

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