Jan Siberechts
Jan Hackaert, ehemals zugeschrieben

Naturstudie: Weide und Erlen, um 1672

Der Vergleich mit verwandten Zeichnungen in Paris, Cambridge und London hat es ermöglicht, das Blatt entgegen der Bezeichnung „J. Hackert f.“ dem Landschaftsmaler Jan Siberechts zuzuschreiben. Der sumpfige Graben, über den hinweg eine schlanke junge Birke und der knotige Stamm einer Weide wachsen, bildet nahezu unverändert den Vordergrund für ein Gemälde Siberechts’ mit zwei Bäuerinnen an einer Furt in Budapest. Auch die Skizze auf der Rückseite – eine Rinderherde mit einer Hirtin zu Pferde – kann mit einer flämischen Landschaft Siberechts’ in Verbindung gebracht werden und stützt eine Datierung des Blattes an das Ende seiner Antwerpener Werkphase (1661–1672). In satten Braun-, Grün- und Gelbtönen hat der Künstler mal mit breitem Pinselstrich, mal mit feinen Farbtupfen die Baumgruppe im Vordergrund, Wiesen, Büsche und Bäume im Hintergrund auf das Blatt geworfen und mit schimmernden Lichtreflexen versehen. Diagonale Raumerschließung, saftig-erdige Farben und atmosphärische Einheit charakterisieren die flämische Landschaft in der Nachfolge Rubens’.

Neela Struck
Diese großformatige Zeichnung war aus unerfindlichen Gründen bislang Jan Hackaert zugeordnet. Ihre alte Beischrift führt in die Irre: Mit Sicherheit handelt es sich um eine Zeichnung des Jan Siberechts, die seinem kleinen zeichnerischen Œuvre angeschlossen werden kann.
Diese Zuschreibung stützt sich auf eng verwandte und gleichermaßen in Aquarell- und Deckfarben ausgeführte Zeichnungen des Künstlers in Paris, Cambridge und London.(Anm.1) Charakteristisch ist der Gegensatz zwischen dem breit getuschten Vordergrund und der plastisch modellierten Baumrinde bzw. dem minutiös getupftem Baumschlag. Auf unserem Blatt führt diese unterschiedliche Behandlung zu einer ungewöhnlichen Fokussierung auf die Bäume im Hintergrund. Ein ähnlicher Effekt lässt sich auf einer kürzlich publizierten Zeichnung in Privatbesitz beobachten.(Anm.2) Dort finden sich auch vergleichbar großzügig mit Graphit skizzierte Partien wie auf der Rückseite unseres Blattes, die bereits Siberechts’ Zeichenstil der englischen Werkphase erahnen lassen.(Anm.3)
Bestätigt wird Siberechts’ Autorschaft durch konkreten Gemäldebezug: Nur wenig verändert wurden der Weiher mit dem knorrigen Weidenbaum, der schräg in den Raum ragenden Birke und der nach rechts ansteigenden Böschung übernommen für ein Bild aus dem Jahre 1672, das Siberechts noch in Antwerpen malte, kurz vor seiner Übersiedlung nach England.(Anm.4) Auch die rückseitig skizzierte Rinderherde korrespondiert mit einem Gemälde aus dieser Zeit: In den Grundzügen entspricht die Komposition einer gemalten Darstellung reisender Hirten vor der Stadtsilhouette Antwerpens.(Anm.5) Die berchemesken Typen verraten Siberechts’ Orientierung an den holländischen „Italianisanten“.
Damit ist unsere Zeichnung nicht nur sicher zuschreibbar, sondern auch eindeutig in die Zeit um 1672 festzusetzen und bestätigt somit den von Van Hasselt für die eingangs erwähnten Zeichnungen in Paris, Cambridge und London vorgeschlagenen zeitlichen Ansatz in die Antwerpener Werkphase (1661–72).(Anm.6)

Annemarie Stefes

1 Paris, Fondation Custodia, Inv.-Nr. I 4542 (444 x 311 mm), Flemish Drawings of the Seventeenth Century from the Collection of Frits Lugt, Ausst.-Kat. London/Paris/Bern/Brüssel, Gent 1972, Nr. 91, Abb. 102; Cambridge, Fitzwilliam Museum, Inv.-Nr. PD.717-1963 (390 x 327 mm); London, British Museum, Department of Prints and Drawings, Inv.-Nr. 1952,0405.10 (167 x 398 mm), T.-H. Fokker: Jan Siberechts. Peintre de la Paysanne Flamande, Brüssel/Paris 1931, S. 112.
2 Rubinstein, in: In Arte Venustas. Studies on Drawings in Honour of Teréz Gerszi. Presented on Her Eightieth Birthday, hrsg. von Andrea Czére, Budapest 2007, S. 184, Nr. 58.
3 Ebd. S. 185; Siberechts übersiedelte 1673 nach England.
4 Budapest, Szépmüvészeti Múzeum, Inv.-Nr. 1226, signiert „J. Siberechts en Anvers“. Die Birke wird zudem variiert auf einem Gemälde an unbekanntem Standort, vormals Amsterdam, Kunsthandel W. E. Duits, T.-H. Fokker: Jan Siberechts. Peintre de la Paysanne Flamande, Brüssel/Paris 1931, S. 79, Abb. 30.
5 Standort unbekannt, 1914 in London, Kunsthandel Strelitskie, T.-H. Fokker: Jan Siberechts. Peintre de la Paysanne Flamande, Brüssel/Paris 1931, S. 99, Abb. 38.
6 Van Hasselt, in: Flemish Drawings of the Seventeenth Century from the Collection of Frits Lugt, Ausst.-Kat. London/Paris/Bern/Brüssel, Gent 1972, S. 122.

Details zu diesem Werk

Pinsel in Schwarz und Grau, Aquarell- und Deckfarben über Graphit 685 x 517 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 22010 Sammlung: KK Zeichnungen, Niederlande, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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