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Hendrick Goltzius

Der Sündenfall, um 1600

Gott schuf die Menschen und setzte sie ins Paradies, aber diese ließen sich von dem Teufel in Gestalt einer Schlange dazu verführen, vom Baum der Erkenntnis zu essen – nur das war ihnen von Gott verwehrt worden (1. Mose 3, 1–6). Auf der Zeichnung des Goltzius hat Eva bereits die verbotene Frucht ergriffen, während Adam noch zögernd verharrt. Die Schlange indes hält bereits eine zweite Frucht bereit.
Die Komposition unserer Zeichnung steht Goltzius’ um 1597 entstandener Vorlage zu Saenredams Kupferstich B. 40 sehr nahe: (Anm.1) In beiden Fällen wird das Paar von einem Felsen vor einem krummen Baumstamm und zum Hintergrund durch dichtes Buschwerk abgeschirmt. Die hier leicht und atmosphärisch getuschte Vegetation lässt auf stilistische Weiterentwicklung schließen und gleicht der um 1600 anzusetzenden „Waldlandschaft“ (Inv.-Nr. 21975).(Anm.2) Der menschliche Kopf der Schlange – um Arme ergänzt – greift darüber hinaus im Gegensinn zurück auf Cornelis van Haarlems gemalten „Sündenfall“ von 1592.(Anm.3) Mit dem Stichentwurf von 1597 lassen sich letztlich auch die schlanken Aktfiguren mit den jugendlich-weichen Gesichtszügen verbinden.(Anm.4)
Bei dem sitzenden Hund im Vordergrund handelt es sich um das eigene Tier des Künstlers, das er mehrfach skizziert hatte. Für die Hamburger Zeichnung griff er auf die heute im Historischen Museum in Amsterdam verwahrte Studie zurück, die um 1597 datiert wird.(Anm.5)
Die sich aus diesen Bezügen erschließende Datierung um 1600 wurde auch von Reznicek vorgeschlagen. In dieser Zeit hatte Goltzius das Stechen zugunsten der Malerei aufgegeben. Vielleicht wollte er mit dem Hamburger „Sündenfall“ die bewährte Komposition des Saenredam-Stiches in dem neuen Medium variieren: Die breite, pastose Ausführung ginge in der Tat mit einer Verwendung als Gemäldevorlage konform.(Anm.6) Ähnlich ist eine Zeichnung im Teylers Museum gearbeitet, die als Vorlage diente für die annähernd maßgleiche, schon von Van Mander erwähnte „Kreuzigung“ auf Kupfer.(Anm.7)
Einem großformatigen gemalten „Sündenfall“ in St. Petersburg ähneln Motive wie die kinderköpfige Schlange und der braun-weiß-gefleckte Hühnerhund.(Anm.8) Auch wenn Goltzius für einzelne Motive auf die Zeichnung zurückgegriffen haben kann, ist ein direkter Zusammenhang mit dem kompositorisch stark abweichenden Bild kaum anzunehmen.

Annemarie Stefes

1 London, British Museum, Department of Prints and Drawings, Inv.-Nr. 1895,0915.1019, E. K. J. Reznicek: Die Zeichnungen von Hendrick Goltzius. Mit einem beschreibenden Katalog. Text, 2 Bde., Utrecht 1961, Nr. 10.
2 Vgl. Stolzenburg, in: Die Masken der Schönheit. Hendrick Goltzius und das Kunstideal um 1600, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2002.
3 Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. SK-A-129.
4 Karel G. Boon: The Netherlandish and German Drawings of the XVth and XVIth Centuries of the Frits Lugt Collection, 3 Bde., Paris 1992, S. 196 sah in der Hamburger Zeichnung irrtümlich den Entwurf für den gestochenen „Sündenfall“ H. 316; dieser Stich datiert jedoch 1585 und reproduziert eine Zeichnung Bartholomeus Sprangers.
5 Amsterdams Historisch Museum, Inv.-Nr. TA 10179, E. K. J. Reznicek: Die Zeichnungen von Hendrick Goltzius. Mit einem beschreibenden Katalog. Text, 2 Bde., Utrecht 1961, Nr. 412; Marijn Schapelhouman: Tekeningen van Noord- en Zuidnederlandse kunstenaars geboren voor 1600, Amsterdams Historisch Museum, Oude tekeningen in het bezit van de Gemeentemusea van Amsterdam waaronder de collectie Fodor, Bd. 2, Amsterdam 1979, Nr. 39.
6 Vgl. Stolzenburg, in: Die Masken der Schönheit. Hendrick Goltzius und das Kunstideal um 1600, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2002, S. 70.
7 Haarlem, Teylers Museum, Inv.-Nr. N 67, E. K. J. Reznicek: Die Zeichnungen von Hendrick Goltzius. Mit einem beschreibenden Katalog. Text, 2 Bde., Utrecht 1961, Nr. 46, vgl. Huigen Leeflang, Ger Luijten, Lawrence W. Nichols: Hendrick Goltzius (1558-1617). Drawings, Prints and Paintings, Ausst.-Kat. Amsterdam, Rijksmuseum, New York, Metropolitan Museum, Toledo (OH), Toledo Museum of Art, Zwolle 2003, Nr. 101; Aukt.-Kat. London, Christie’s, 15. 4. 1992. Vgl. Karel van Mander, Den Grondt der edel vry schilder-const, Haarlem 1604, fol. 285v. – Lawrence Nichols, in: Huigen Leeflang, Ger Luijten, Lawrence W. Nichols: Hendrick Goltzius (1558-1617). Drawings, Prints and Paintings, Ausst.-Kat. Amsterdam, Rijksmuseum, New York, Metropolitan Museum, Toledo (OH), Toledo Museum of Art, Zwolle 2003, S. 267 und 327, Anm. 18 sowie Nr. 97 hielt eine Reihe von Zeichnungen in ähnlicher Technik ebenfalls für mutmaßliche Gemäldeentwürfe, ohne allerdings das Hamburger Blatt zu erwähnen.
8 „Sündenfall“, 1608, St. Petersburg, Staatliches Museum Eremitage, Inv.-Nr. 702.

Details zu diesem Werk

Schwarze Kreide, Rötel, farbige Kreiden, laviert mit grauer Tusche und grüner Wasserfarbe; Reste von Einfassungslinien (Feder in Braun) 370 x 268 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 21975 Sammlung: KK Zeichnungen, Niederlande, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang, CC-BY-NC-SA 4.0

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