Pieter Bruegel der Ältere

Der Sommer, 1568

Diese berühmte Zeichnung gibt einen Einblick in die vielfältige Arbeit von Landleuten an einem Sommertag. In unmittelbarer Nähe eines Dorfes wird das reife Getreide gesenst, gebündelt und abtransportiert; es ist aber auch Zeit für eine Stärkung und ein Schwätzchen. Bruegel feiert hier ganz in der Tradition mittelalterlicher Monatsbilder die arbeitenden Bauern als Garanten für den Wohlstand des Landes. Die Komposition diente als relativ genaue Vorzeichnung für die Darstellung des Sommers in einer von Bruegel am Ende seines Lebens geplanten graphischen Folge der Jahreszeiten. Offenbar passte der Künstler seine Handschrift durch eine klare Angabe der Linien und Striche den Ausdrucksmitteln des Kupferstechers an.Der Sommer bietet eine Fülle köstlicher Bilderfindungen, etwa den Fuß des Trinkenden, der den vorderen Bildrand durchstößt. Bruegels feinen Humor verdeutlichen der Knabe, dem ein Ährenbündel aus dem Rücken zu wachsen scheint, oder die Frau, deren Kopf vollständig durch einen Korb mit Gemüse verdeckt ist.

David Klemm
Für die Folge der 1570 von Hieronymus Cock in Antwerpen publizierten und von Pieter van der Heyden gestochenen „Jahreszeiten“ konnte Pieter Bruegel nur zwei Entwurfszeichnungen vollenden: den 1565 datierten „Frühling“ aus der Albertina und den „Sommer“ der Hamburger Kunsthalle von 1568.(Anm.3) Dass Bruegel den „Sommer“ bewusst als Stechervorlage schuf, geht aus den linkshändigen, erst in der spiegelbildlichen Übertragung rechtshändigen Figuren hervor. Möglicherweise ist auch die außerordentlich präzise Ausführung des Blattes als Annäherung an die graphische Prägnanz des Kupferstiches zu verstehen.(Anm.4)
Nicht zuletzt aufgrund der inhaltlichen Durchdringung des Themas gilt die Arbeit als ein Hauptblatt des Künstlers.(Anm.5) Unterschiedliche Deutungen wurden für die größtenteils verdeckten oder abgewandten Gesichter vorgeschlagen. Grossmann beobachtete einen Gegensatz zwischen der Landschaft und den zu „gesichtslosen“ Automaten reduzierten Arbeitern, während Van Beselaere und Lebeer diese im Sinne einer Einheit von Mensch und Natur deuteten.(Anm.6) Für Malke waren die nicht immer eindeutig interpretierbaren Motive symptomatisch für die manieristische Verrätselung des Bildinhalts.(Anm.7) Details wie der den Kopf der Magd am linken Blattrand verdeckende – oder ersetzende? – Gemüsekorb, vielleicht ein Hinweis auf ein bislang nicht identifiziertes Sprichwort, oder das aus dem Rücken des sich bückenden Knaben gleichsam herauswachsende Ährenbündel sind darüber hinaus sicher als humoristische Anspielungen zu bewerten.(Anm.8) Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich Bruegel über das arbeitende Landvolk spottend erhebt. Die ebenfalls zu beobachtenden Antikenzitate und die von italienischer Kunst inspirierten kraftvollen Bewegungsmotive verleihen den Bauern eine Würde, die an die Wertschätzung der arbeitenden Landbevölkerung in antiker und zeitgenössischer Literatur erinnert.(Anm.9) Diese Sichtweise steht letztlich in der Tradition mittelalterlicher Monatsbilder, der Bruegel auch formal Tribut zollt. Denn anders als auf seinen in Einzelmotiven und Landschaftsanlage verwandten Jahreszeiten-Gemälden, der „Heuernte“ und der „Ernte“ in New York, wird der Sommer hier in erster Linie über die Tätigkeit des Menschen definiert.(Anm.10) Bruegel verschmilzt die im Hintergrund dargestellte, traditionell den Monaten Juni und Juli zugeordnete „Obst-“ bzw. „Heuernte“ mit der den August symbolisierenden „Kornernte“ zu einer konzentrierten Gesamtschau von allgemeingültigem Charakter.(Anm.11) Damit grenzt er sich ab von dem wenige Jahre zuvor entstandenen, wohl als „Konkurrenzmodell“ wahrgenommenen „Sommer“ Maerten van Heemskercks (H. 354, 1563), der noch einem allegorischen Jahreszeitenverständnis verpflichtet war.(Anm.12)

Annemarie Stefes

1 Vgl. Michiel C. Plomp: Hartstochtelijk verzameld: beroemde tekeningen in de 18de-eeuwse Hollandse collecties, Ausst.-Kat. Haarlem, Teylers Museum, Paris, Institut Néerlandais, Paris, Hôtel Turgot, Paris 2001, S. 27, Nr. XVIII.
2 Vgl. Hans-Ulrich Beck: Anmerkungen zu den Zeichnungssammlungen von Valerius Röver und Goll van Franckenstein, in: Nederlands Kunsthistorisch Jaarboek 1981, S. 111-125, S. 112.
3 Wien, Grafische Sammlung Albertina, Inv. 23750. „Herbst“ und „Winter“ wurden von Hans Bol nachgeliefert. Der gestochene „Sommer“ – kürzlich für die Hamburger Kunsthalle erworben, vgl. Andreas Stolzenburg: Neuerwerbungen 2005 bis 2007, Kupferstichkabinett, Kunst vor 1900, in : Idea, Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle 2005 bis 2007, Hamburg 2009, S. 194-208 – diente als Vorlage für je ein Gemälde Pieter Bruegels (II) und Abel Grimmers, vgl. Manfred Sellink: Bruegel. The Complete Paintings, Drawings and Prints, Ghent 2007, S. 222.
4 Vgl. Timothy A. Riggs: Hieronymus Cock. Printmaker and Publisher, New York, London 1977, S. 58–59 und S. 99; Roettig, in: Petra Roettig, Annemarie Stefes, Andreas Stolzenburg: Von Dürer bis Goya. 100 Meisterzeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2001, S. 29.
5 Hierzu zuletzt Plomp, in: Nadine Orenstein, Manfred Sellink (Hrsg.): Pieter Bruegel de Oude: Meestertekenaar, Ausst.-Kat. Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen, New York, Metropolitan Museum of Art, New Haven 2001, der die überbordende, Grenzen sprengende Hamburger Zeichnung dem artifiziellen „Frühling“ gegenüberstellte. Vgl. auch E. van der Vossen: De 'Maandenreeks' van Pieter Bruegel den Ouden, in: Oud Holland 1951, S. 103-116, S. 112, der
„Frühling“ und „Sommer“ den seriellen Zusammenhang absprach. – Manfred Sellink: Pieter Bruegel de Oude, Meestertekenaar, Rotterdam 2001, S. 93 zählte das Blatt zu den schönsten ihm bekannten Bruegel-Zeichnungen.
6 Fritz Grossmann: Pieter Bruegel the Elder, in: Encyclopedia of World Art, Bd. 2, New York, Toronto, London 1960, S. 631-651, S. 648, vgl. auch Wolfgang Stechow: Bruegel, Köln 1974, S. 35; Walther Van Beselaere: Peter Bruegel en het Nederlandse Manierisme, Brüssel 1944, S. 89; Louis Lebeer: Catalogue raisonné des estampes de Brueghel l'ancien, Brüssel 1969, S. 172.
7 Malke, in: Pieter Bruegel als Zeichner, Ausst.-Kat. Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Berlin 1975, S. 91.
8 „Meloen of vrouw o’t oog wel te onderscheiden / Is even moeilijk in beiden“, vgl. J. B. F. Van Gils: P. Bruegel's Tekeningen 'Lente' en 'Zomer', in: Maandblad voor Beeldende Kunsten 1947, Nr. 23, S. 14-18, S. 18. Vgl. hierzu auch Hans Mielke: Pieter Bruegel. Die Zeichnungen, Turnhout 1996 und Plomp, in: Nadine Orenstein, Manfred Sellink (Hrsg.): Pieter Bruegel de Oude: Meestertekenaar, Ausst.-Kat. Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen, New York, Metropolitan Museum of Art, New Haven 2001, S. 244. Eine gegenteilige Auffassung vertreten Schulte-Goltz und Schleier, in: Hans-Martin Kaulbach, Reinhart Schleier: 'Der Welt Lauf'. Allegorische Graphikserien des Manierismus, Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Bochum, #, Ostfildern-Ruit 1997, S. 121. E. van der Vossen: De 'Maandenreeks' van Pieter Bruegel den Ouden, in: Oud Holland 1951, S. 103-116, S. 111–112 führte auch diese Motive auf antike Vorbilder zurück.
9 Vgl. Axel L. Romdahl: Pieter Bruegel der Ältere und sein Kunstschaffen, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 25, Wien und Leipzig 1905, S. 85-169, S. 90, Charles de Tolnay: Die Zeichnungen Pieter Bruegels, Zürich 1952 und Carl Gustav Stridbeck: Bruegelstudien, Bd. 2, Stockholm, Köln 1956, S. 286–287. Der stehende Schnitter rechts erinnert an die Figur links auf Michelangelos „Bekehrung Pauli“ in der Cappella Paolina im Vatikan, vgl. Charles de Tolnay: Die Zeichnungen Pieter Bruegels, Zürich 1952, S. 76–77, der trinkende Bauer vorne links könnte auf die Skulptur des „Laokoon“ zurückgehen. Zudem finden sich Anklänge an Tizians „Bacchanal“ in Washington, National Gallery of Art, Inv.-Nr. 1942.9.1. Zu der Wertschätzung der Landarbeiter vgl. Walter S. Gibson: Pieter Bruegel the Elder: Two Studies, hrsg. von Spencer Museum of Art, The University of Kansas, Lawrence 1991, S. 11–52, besonders S. 23 u. 44; Margaret A. Sullivan: Bruegel's Peasants. Art and Audience in the Northern Renaissance, Cambridge, Mass. 1994, S. 15–18 und S. 43; Ilja M. Veldman: Images of Labour and Diligence in sixteenth-century Netherlandish prints, in: Simiolus 21, 1992, Nr. 4, S. 227-264, S. 227–264; vgl. Justus Müller-Hofstede: Zur Interpretation von Bruegels Landschaft. Ästhetischer Landschaftsbegriff und Stoische Weltbetrachtung, in: Pieter Bruegel und seine Welt, hrsg. von Otto von Simson, Matthias Winner, Berlin 1979, S. 73-142, S. 139–140; vgl. Carl Gustav Stridbeck: Bruegelstudien, Bd. 2, Stockholm, Köln 1956, S.235–237; vgl. auch Ethan Matt Kavaler: Pieter Bruegel's 'Fall of Icarus' and the Noble Peasant, in: Jaarboek van het Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen 1986, S. 83-98 und Larry Silver: Pieter Bruegel in the Capital of Capitalism, in: Nederlands Kunsthistorisch Jaarboek 47, Zwolle 1997, S. 125-153, S. 131–133.
10 Mühlhausen (Tschechien), Sammlung Roudnize Lobkowicz und New York, Metropolitan Museum of Art, Inv.-Nr. 19.164, Manfred Sellink: Bruegel. The Complete Paintings, Drawings and Prints, Ghent 2007, Nr. 134 und 135; zu dieser Interpretation vgl. Fritz Novotny: Die Monatsbilder P. Bruegels d. Ä., Wien 1948, S. 3–4.
11 Vgl. E. van der Vossen: De 'Maandenreeks' van Pieter Bruegel den Ouden, in: Oud Holland 1951, S. 103-116, S. 111; Malke, in: Pieter Bruegel als Zeichner, Ausst.-Kat. Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Berlin 1975, S. 90.
12 Vgl. Hans-Martin Kaulbach, Reinhart Schleier: 'Der Welt Lauf'. Allegorische Graphikserien des Manierismus, Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Bochum, #, Ostfildern-Ruit 1997, S. 120 und Orenstein 1998, S. 417. Der Bezug zu Heemskercks Stich zeigt sich auch in einer Motivübernahme: dem von hinten gesehenen Schnitter.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun auf braunem Papier; Einfassungslinie (Feder in Braun) 220 x 286 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 21758 Sammlung: KK Zeichnungen, Niederlande, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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