Raffael, eigentlich Raffaello Santi oder Sanzio

Kopf eines Cherubs, 1509-11

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Die Studie eines Cherubs veranschaulicht Raffaels meisterhafte Kreidetechnik. Beeindruckend sind die für den Künstler typische, geradezu kalligraphische Sicherheit und funktionale Zweckmäßigkeit der Strichführung. Die um 1508–1512 entstandene Darstellung ist kaum nach dem Leben gezeichnet, sondern dürfte Raffaels idealtypische Vorstellung eines himmlischen Wesens widerspiegeln. Denkbar wäre eine Figur im Hintergrund eines Madonnenbildes (Madonna di Foligno oder Sixtinische Madonna). Sehr gut vorstellbar erscheint auch eine Verbindung zum Fresko der Disputa in der Stanza della Segnatura im Vatikan. Auch dort finden sich Engelsköpfe, die aus himmlischen Sphären herabschauen. Zudem verweisen die Weichheit der Kreidezeichnung und der flüssige Duktus zeichentechnisch auf die frühe römische Zeit des Künstlers.

David Klemm
Die Cherubim waren im Alten Testament geflügelte Himmelswesen, zumeist mit Tierleib und menschlichem Antlitz. Sie gehörten zum Thronstaat Gottes und wurden mit besonderen Aufgaben betraut.
In der Malerei stellte man sie seit dem Mittelalter als die mit Menschenkopf versehenen göttlichen Mächte der Kraft (auf einem Stierleib) und der Geschwindigkeit (über Flügeln) dar. Später wurde ihre Gestalt immer menschenähnlicher, häufig erschienen sie in großen Gruppen als Begleiter von göttlichen Ereignissen.
Dass es sich bei der vorliegenden Zeichnung tatsächlich um einen Cherub handelt, ist sehr wahrscheinlich aufgrund der gefiederähnlichen Schraffuren, die unterhalb des Kopfes zu erkennen sind.
Die vielleicht im Inventar der Sammlung Viti-Antaldi aus dem 17. Jahrhundert als Raffael erwähnte Zeichnung hatte Georg Ernst Harzen dem Florentiner Künstler Fra Bartolommeo zugeschrieben.(Anm.1) Später war das Blatt im Kupferstichkabinett als Arbeit eines unbekannten Meisters bezeichnet worden, bevor Oskar Fischel es 1928 erstmals als eigenhändige Zeichnung Raffaels identifizierte und in der einschlägigen Forschung bekannt machte.(Anm.2) In der Folgezeit blieb die Studie zwar nicht unbestritten,(Anm.3) doch fand sie ohne Einschränkung Eingang in die großen Werkverzeichnisse von Knab/Mitsch/Oberhuber (Anm.4) und von Joannides.(Anm.5)
Für eine Zuschreibung an Raffael spricht die meisterhafte Beherrschung der Kohle. Der Kopf ist vorwiegend aus flüssig gesetzten Rundungen geformt. Die für den Künstler typische, geradezu kalligraphische Sicherheit und funktionale Zweckmäßigkeit der Strichführung sind gleichsam beeindruckend. Die Studie ist wohl kaum nach dem Leben gezeichnet, sondern dürfte Raffaels idealtypische Vorstellung eines himmlischen Wesens widerspiegeln.(Anm.6)
Eine genaue funktionale Zuordnung des Kopfes ist bislang nicht gelungen. Knab/Mitsch/Oberhuber dachten an eine Entstehung in der Florentiner Phase Raffaels, in der besonders zahlreiche Madonnenbilder mit begleitenden Engeln und Putti entstanden.(Anm.7) Joannides sah in dem Kopf eine Studie zu den Cherubimen im Hintergrund der „Sixtinischen Madonna“ in Dresden bzw. der „Madonna di Foligno“ im Vatikan, beide um 1512 gemalt.(Anm.8) Henrike Christiane Lange, Hamburg, stellte eine interessante Verbindung zu Raffaels zwischen 1509 und 1511 entstandenen „Disputà“ in der Stanza della Segnatura im Vatikan her.(Anm.9) Auch dort finden sich Engelsköpfe, die aus den himmlischen Sphären herabschauen. Zudem lassen sich hinsichtlich der besonderen Weichheit der Kreidezeichnung und dem flüssigen Duktus zeichentechnische Verbindungen zur römischen Zeit des Künstlers herstellen. So ist durchaus vorstellbar, dass das Hamburger Blatt im Zusammenhang mit den umfangreichen Vorarbeiten für dieses Hauptwerk Raffaels entstanden ist.

David Klemm

1 „Una testina fatta di lapis negro, d’altezza un palmo due oncis, larghezza un palmo del medesimo“, Oxford, Ashmolean Museum, Bibliothek, zit. nach Italienische Zeichnungen der Renaissance aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, bearb. v. Eckhard Schaar unter Mitarbeit v. David Klemm, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Ostfildern-Ruit 1997, S. 103.
2 Fischel 1913–1941, Abteilung VII (1928), S. 379–380, Nr. 367.
3 Vgl. Anna Forlani Tempesti: Disegni di Raffaello nella Collezione Antaldi: Un Inventario, in: Per L’Arte da Venezia all’Europa. Studi in onore di Giuseppe Maria Pilo, hrsg. v. Mario Piantoni, Laura De Rossi, Bd. 1, Dall’Antichità al Caravaggio, Venedig 2001, S. 153-157, S.153. Ursula Fischer Pace hält eine Entstehung der Zeichnung im Seicento für denkbar. Mitteilung anlässlich des Symposiums „Italienische Altmeisterzeichnungen 1450 bis 1800“ am 27. und 28.10.2005 im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle.
4 Eckhart Knab, Erwin Mitsch, Konrad Oberhuber, unter Mitarbeit v. Silvia Ferino-Pagden: Raphael. Die Zeichnungen, Stuttgart 1983, S. 579, Nr. 249.
5 Paul Joannides: The Drawings of Raphael. With a complete catalogue, Oxford 1983, S. 204, Nr. 284.
6 Hamburger Kunsthalle, 2. erw. Aufl., hrsg. v. Werner Hofmann, München 1989, S. 196, Nr. 434 (Beitrag Eckhard Schaar).
7 Eckhart Knab, Erwin Mitsch, Konrad Oberhuber, unter Mitarbeit v. Silvia Ferino-Pagden: Raphael. Die Zeichnungen, Stuttgart 1983, S. 579, Nr. 249.
8 Paul Joannides: The Drawings of Raphael. With a complete catalogue, Oxford 1983, S. 204, Nr. 284.
9 Vgl. Henrike Christiane Lange: Ein Cherub aus Linien und Kreidestaub, Hausarbeit, Universität Hamburg, Wintersemester 2003/04, vor allem S. 16–19.

Details zu diesem Werk

Kohle; aufgezogen 298 x 234 mm (linke untere Ecke ergänzt) (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 21592 Sammlung: KK Zeichnungen, Italien, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang