Fra Bartolommeo, eigentlich Baccio della Porta

Zwei Studien eines Engels der Verkündigung nach links gewandte Figur, 1495 - 1496

Das Blatt wurde bereits von Georg Ernst Harzen Fra Bartolommeo zugeschrieben. Diese Ansicht übernahm 1903 Bernard Berenson in die Ausgabe seiner „Drawings of Florentine Painters“. Von der Gabelentz stellte 1922 als erster den Bezug des Erzengels auf dem Recto zu einer 1497 datierten „Verkündigung Mariens“ im Dom von Volterra, her. Dieses Werk gilt allerdings als Gemeinschaftswerk Fra Bartolommeos und Mariotto Albertinellis. Von der Gabelentz erkannte zwar Züge von Fra Bartolommeo in den Figuren, wollte aber eine Autorschaft Albertinellis nicht ausschließen. Erst Everett Fahy 1969 und im Anschluß daran Chris Fischer 1986 haben die Zeichnung dann ohne Zweifel für den frühen Fra Bartolommeo in Anspruch genommen. Für beide stellt sie eindeutig eine eigenhändige Vorzeichnung für das Altarbild in Volterra dar, wodurch die Datierung 1495/96 sinnvoll erscheint. Auffallend ist die Betonung der Beine durch die Draperie hindurch. Möglicherweise haben diese Studien die genaue Position des Engels geklärt. In einer weiteren weiß gehöhten, aquarellierten Vorstudie in den Uffizien hat Fra Bartolommeo dann größeres Gewicht auf die Draperie und das Spiel von Licht und Schatten gelegt.(Anm.1) Die Zeichnung erinnert in ihrem quattrocentesken Ausdruck stark an Lorenzo di Credi und verdeutlicht, dass Fra Bartolommeo über verschiedene zeichnerische Modi zur Vorbereitung seiner Gemälde verfügte.
Die auf dem Recto befindliche Figur lässt sich mit keinem Gemälde oder Fresko des Künstlers in Verbindung bringen. Die von Fahy beobachtete Ähnlichkeit zum Gewand der Maria auf der Verkündigung in Volterra ist allenfalls allgemeiner Art.
Die auf dem Verso gezeichneten Studien lassen sich nicht eindeutig benennen. Die in der bisherigen Literatur durchgehend geäußerte Ansicht, es handle sich um Darstellungen Johannes’ des Täufers ist prinzipiell richtig (Anm.2), doch kann zumindest bei der rechten Figur auch Christus angenommen werden.(Anm.3) Für beide Figuren finden sich im Werk Fra Bartolommeos keine genau entsprechenden Umsetzungen auf Gemälden oder Fresken.

David Klemm

1 Disegni di Fra Bartolommeo e della sua scuola, bearb. v. Chris Fischer, Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi, LXVI, Ausst.-Kat. Florenz, Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi 1986 , S. 40–42, Nr. 8. Florenz, Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi, Inv.-Nr. 512 E.
2 Vgl. z. B. für die linke Figur Fra Bartolommeos Studien für die „Predigt Johannes’ des Täufers“ in London, British Museum, Department of Prints and Drawings, Inv.-Nr. Pp.1–53 r und v.; hier ist vor allem die ungewöhnliche Darstellung des Täufers in wallendem Gewand von Interesse.
3 Ähnlich ist die Christus-Figur auf dem Gemälde „Salvator Mundi“ im Palazzo Pitti in Florenz.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun auf bräunlich-gelblichem Papier 143 x 188 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 21242 Sammlung: KK Zeichnungen, Italien, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang