Francesco Barbieri, gen. Guercino

Die Heilige Familie auf der Flucht mit einem geigenden Engel, um 1624

Die unpublizierte Zeichnung der „Heiligen Familie mit einem Engel“ wurde von Georg Ernst Harzen Guercino zugeschrieben. Sie blieb seitdem unbeachtet. Nicholas Turner hält die Zeichnung nach eingehender Prüfung für ein von fremder Hand partiell überarbeitetes Original Guercinos. Sie kann als bislang einziger nachweisbarer Entwurf für ein 1624 datiertes Gemälde im römischen Palast des Tiberio Lancelotti angesehen werden.(Anm.1) Besondere ähnelt der musizierende Engel der entsprechenden Figur auf dem Gemälde; angelegt ist zudem bereits die sich dem Engel zuneigende Maria. Völlig unterschiedlich ist dagegen die Position des Christuskindes, das auf dem Gemälde dem Heiligen Joseph yanvertraut wird. Zudem sieht die Zeichnung noch eine rechteckige Komposition vor, während das Gemälde als Tondo ausgeführt wurde.
Turner wies darauf hin, dass die Datierung des Blattes in die frühen 1620er Jahre im Vergleich mit anderen Zeichnungen jener Phase gestützt wird: Hier wie dort finden sich die leichte, zum Teil doppelt angelegte und fast kalligraphische Linienführung.(Anm.2) Charakteristisch für diese Zeichnungen ist zudem die nur zart akzentuierende Lavierung, was auf dem Hamburger Blatt jedoch nicht mehr wahrnehmbar ist. Turner vermutet, dass sich ein späterer Besitzer des Blattes angesichts von dessen schlechtem Erhaltungszustand dazu entschied, die zarte Federzeichnung durch starke Lavierung zu verlebendigen.(Anm.3)
Einen wichtigen Hinweis auf die Geschichte des Blattes geben zwei Faksimiles, die im 18. Jahrhundert danach angefertigt worden sind. So zeigt das um 1765 von Francesco Bartolozzi radierte Blatt eine weitgehende motivische Übereinstimmung, jedoch deutliche Unterschiede in der Strichführung.(Anm.4) Bereits 1786 erschien ein Faksimile von Clemente Maria Nicoli (Bologna 1753 – nach 1811), das aufgrund der bis in Details hineingehenden Übereinstimmungen nach der Hamburger Zeichnung in bereits überarbeitetem Zustand entstanden sein muss.(Anm.5) Nicholas Turner hält es zumindest für vorstellbar, dass Nicoli selbst für die Veränderung verantwortlich zu machen ist. Dagegen spräche, dass Nicoli zwar zahlreiche Zeichnungen nach Guercino angefertigt, diese offensichtlich jedoch nicht weiter überarbeitet hat.(Anm.6) Das Blatt gelangte später in den Besitz des bedeutenden oberitalienischen Sammlers Giovanni Antonio Armano, von dem Harzen einige Zeichnungen und einen großen Bestand an Druckgraphiken erwarb.(Anm.7)

David Klemm

1 Anlässlich des Symposiums „Italienische Altmeisterzeichnungen 1450 bis 1800“ am 27. und 28.10.2005 im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle und briefliche Mitteilung von Nicholas Turner vom 31.10.2005. Vgl. Luigi Salerno: I dipinti del Guercino. Unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Denis Mahon, Rome 1988, S. 182, Nr. 100.
2 Vgl. z. B. Il Guercino (Giovanni Francesco Barbieri, 1591-1666). Catalogo critico dei Disegni, bearb. v. Denis Mahon, Ausst.-Kat. Bologna, Palazzo dell’Archiginnasio, Bologna 1968, S. 98, Nr. 92, S. 99, Nr. 94–96, S. 105–106. Nr. 104.
3 Briefliche Mitteilung, 31.10.2005.
4 Erschienen im ersten Band der Edizione Boydell in London. Vgl. Barbara Jatta: Francesco Bartolozzi. Incisore delle Grazie, Rom 1995, Nr. 27.7.
5 Fausto Gozzi: Il Guercino. Le stampe della Pinacoteca Civica, Cento 1997, S. 139, Nr. 145.
6 Vgl. Genova e Guercino, Dipinti e Disegni delle Civiche Collezioni, hrsg. v. Piero Boccardo u. Nicholas Turner, Ausst.-Kat. Genua, Galleria di Palazzo Rosso, Gabinetto disegni e stampe, Genua 1992.
7 Vgl. die Beschriftung des Faksimiles von Nicoli.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun, braun laviert, senkrechte Linien (Graphit) 267 x 421 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 21063 Sammlung: KK Zeichnungen, Italien, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang