Anders Zorn
Liegender weiblicher Akt (Gulli Runeborg), 1917/18
Man könnte Anders Zorn als „Maler der Frauen“ bezeichnen, denn ein überwiegender Teil seiner Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Radierungen zeigt in einer erstaunlich abwechslungsreiche Bandbreite Frauen jeden Alters wie beispielsweise Damenbildnisse der mondänen Welt Europas und Amerikas, Bäuerinnen seiner Heimat im schwedischen Mora oder auch oft erotisierende weibliche Akte in den Uferlandschaften an den Fjorden Schwedens und als einfache Aktmodelle in Interieurs, wie in der vorliegenden Rötelzeichnung, die eine nackte, auf einem Sofa im Atelier ausgestreckte Frau zeigt.
Angeregt und ermutigt haben den jungen Andreas Zorn in Paris sicher Édouard Manets damals als skandalös empfundene Akte, mit denen dieser das moderne Leben („Vie moderne“) zeigen wollte, u. a. mit der Darstellung des leigenden Frauenaktes der Olympia im Jahre 1863. Zorn verbannte aus seinem Werk traditionelle Aktdarstellungen, die sich in der älteren Kunstgeschichte bis dahin meistens als alttestamentarische Figuren wie Susanna und die beiden Alten oder Bathseba beim Bade von König David beobachtet beziehungsweise als Frauenbilder der antiken Mythologie wie Venus oder die Jagdgöttin Diana beim Bade im historischen Zusammenhang und damit von den Betrachtenden toleriert zeigten.
Auf der schwungvoll und mit dynamischer Linienführung mit der Rötelkreide ausgeführten Zeichnung Liegender weiblicher Akt gibt der Künstler der porträtierten Frau ein Buch in die Hände, in dem sie, der Welt somit entrückt, konzentriert liest. Das den nackten Körper der Frau eng umfassende und den nackten Körper schützende Sofa ist zu den Rändern des Blattes – besonders im vorderen Bereich – nur skizziert. Die Figur des weiblichen Aktes ist konkreter und sehr sinnlich ausgestaltet und dennoch scheinen sowohl das Sofa wie die ihre Umwelt kaum wahrnehmende Frau eher eine flüchtige Erscheinung zu sein. Durch den auf das Buch fixierten Blick und die fehlende Kontaktaufnahme mit den Betrachtenden, fehlt der weiblichen Figur ein übermäßig erotisierendes Moment. Im Gegenteil, sie strahlt eher eine klare, selbstbewusste und damit einem moderneren Frauenbild durchaus bereits etwas mehr entsprechende Haltung aus.
Die Zeichnung stammt aus den späten Jahren Zorns und entstand wohl um 1917/18. In Europa wütete zu dieser Zeit noch der Erste Weltkrieg. Der Künstler Zorn war bereits gesundheitlich angeschlagen und bevorzugte daher solche Interieurszenen, die er in seinem Atelier in Stockholm anfertigen konnte. Als Modelle zog er zudem gern Personen aus seinem direkten Umfeld heran, so auch hier. Denn als Modell diente ihm Gulli Runeborg, die bei den Zorns im Haushalt arbeitete und die der Künstler 1914 und 1918 auch schon in zwei Radierungen wiedergeben hatte. Das hier als Liegegelegenhuit zu sehende, in der Realität blaugraue Ledersofa nutze Zorn auch bereits auf einem Gemälde des Jahres 1916, das sich in einer schwedischen Privatsammlung befindet.
Andreas Stolzenburg
Details zu diesem Werk
Oben links bezeichnet: "Runeborg" (Rötel); unten links signiert: "Zorn" (Rötel)
Privatbesitz, Schweden; Privatbesitz; Wien; Bukowskis, Stockholm, Auktion v. 9. 6. 2022 (Nr. 587; verkauft); Le Claire Kunst, Hamburg; Sammlung Dorit und Alexander Otto, Hamburg; Schenkung 2025 von Dorit Otto an die Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen; von dort 2025 als Leihgabe an die Hamburger Kunsthalle
Important Spring Sale; Stockholm, Bukowskis, Auktion 641 v. 9. 6. 2022, Stockholm, 2022, S. [59], Abb.-Nr. , Kat.-Nr. 587
Anders Zorn. Die Erfolgsgeschichte seiner Radierungen in den Kupferstichkabinetten von Hamburg, Berlin und Dresden, Andreas Stolzenburg, 2025, S. (Erwähnung des Erwerbs), Abb.-Nr.
Objekt: Anders Zorn, Zorn, Anders , 1860-1920 (KünstlerIn); Bertsch, Markus , 1970- (HerausgeberIn) (VerfasserIn); Ybarra Satrústegui, Casilda (HerausgeberIn) (VerfasserIn); Cederlund, Johan , 1963- (VerfasserIn); Ganz, James A. , 1963- (VerfasserIn); Kunst, Jana (VerfasserIn); Navarro, Carlos G. (VerfasserIn); Olsson, Carl-Johan (VerfasserIn); Schmid, F. Carlo , 1964- (VerfasserIn); Schöning, Jörg , 1955- (VerfasserIn); Stolzenburg, Andreas , 1963- (VerfasserIn); Hamburger Kunsthalle (Gastgebende Institution); Hirmer Verlag (Verlag); Fundación MAPFRE (Gastgebende Institution), S. S. 285, Abb. S. S. 264/265, Abb.-Nr. , Kat.-Nr. Kat. 150