Max Liebermann

Studie eines Knaben - Studie für das Gemälde 'Der zwölfjährige Jesus im Tempel', 1878

Max Liebermann erstes, 1879 im Münchner Glaspalast ausgestelltes Historiengemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ (Anm.1) löste durch die Darstellung des Jesusknaben sowohl bei christlichen wie jüdischen Betrachtern einen Skandal aus. (Anm.2) Das Bild illustriert das Lukasevangelium 2, 46-47: Die Eltern Jesu finden ihren seit drei Tagen vermissten Sohn im Tempel wieder, wo er mit den dortigen Schriftgelehrten diskutiert. Der Skandal war in den Augen der christlichen Kritiker in München darin zu sehen, dass der Jude Liebermann dem zwölfjährigen Jesus das blasphemische Aussehen eines jüdischen Kindes gab. In der ursprünglichen Fassung wird Jesus als struppiger, heftig gestikulierender, barfüßiger Knabe mit dünnen Beinen und kurzem Rock beschrieben. Hervorgehoben wurde seine hervorstechende Hakennase sowie der Ansatz der typischen Schläfenlocken.(Anm.3) Die jüdischen Kritiker waren der Meinung, die Hohenpriester seien nicht würdevoll genug dargestellt. Die Münchner Künstlerschaft hingegen war von dem Gemälde begeistert. Liebermann gab der Kritik nach und übermalte das Bild zumindest in der beanstandeten Figur des Jesusknaben, in dem er die Gestik der Hände reduzierte, die Haare heller und ohne Lockenansatz zeigte, dem Kind Sandalen anzog und das kurze Gewand verlängerte.(Anm.4)
Für die Figur des Jesusknaben nutze Liebermann in München mindestens zwei Modelle. Im Hamburger Kupferstichkabinett befindet sich seit 1916 eine Kreidezeichnung, die einen Jungen mit bloßem Oberkörper und langen Hosen in genau der Haltung des Jesusknaben zeigt. (Anm.5) Mit der ebenfalls wohl schon 1878 entstandenen, vorliegenden Kreidezeichnung gelang nun der Erwerb einer weiteren Studie, die im Entstehungsprozess sicher vor dem erwähnten Blatt anzusetzen ist. Es zeigt wahrscheinlich ein junges weibliches Modell namens Sophie Friedrich, wie es Liebermann rechts oben mit Angabe der Adresse notierte. Der hier kräftiger eingesetzte Kreidestrich zeigt das ebenfalls mit einer Hose bekleidete Modell, den Rücken stark nach innen gekrümmt, mit freiem Oberkörper von der Seite bzw. den gedrehten Rücken in Dreiviertelansicht. Rechts neben der Ganzfigur studierte der Künstler den Unterkörper und speziell den Faltenwurf der Hose im Gesäßbereich und gemusterte Strümpfe, die auch eher an ein weibliches Modell denken lassen. Der linke Arm ist angewinkelt, während der rechte bereits wie im späteren Bild gestikuliert. Das nebeneinander beider nun in Hamburg befindlichen Studien lässt den Arbeitsprozess Liebermanns sehr gut nachvollziehen. Eine weitere Zeichnung zeigt im Blick auf den Jesusknaben eine auf den beiden Hamburger Zeichnungen basierende Kompositionsstudie zum Bild diesen mehr der weniger in seiner endgültigen Form und Position der ersten, gemalten Fassung. (Anm.6)

Andreas Stolzenburg

1 Inv.-Nr. HK-5424. Zunächst durch Tausch mit Liebermann im Besitz des Malers Fritz von Uhde, kam es auf Wunsch Alfred Lichtwarks 1911 durch Kauf in die Hamburger Kunsthalle. 1941 durch Tausch abgegeben an den Hamburger Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, kam es noch im selben Jahr bis 1979 in die Sammlung von Georg Glaubitz in Hamburg. Weiter in Familienbesitz war das Bild 1979-1989 zunächst als Leihgabe in der Kunsthalle, 1989 wurde es mit Mitteln der Campe'schen Historischen und der KulturStiftung der Länder erworben. Vgl. Hamburger Kunsthalle. Der zwölfjährige Jesus im Tempel von Max Liebermann, KultturStiftung der Länder, Hamburg 1989.
2 Der Jesus-Skandal. Ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik, Ausst.-Kat. Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin 2009.
3 Katrin Boskamp: Studien zum Frühwerk von Max Liebermann mit einem Verzeichnis der Gemälde und Ölstudien von 1866-1889, Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 88, Hildesheim u. a. 1994, S. 93.
4 Vgl. das überlieferte Foto der ursprünglichen Fassung mit dem heutigen Bild; Ausst.-Kat. Berlin 2009, Abb. 7-8 auf S. 20-21.
5 Inv.-Nr. 1916-167; Ausst.-Kat. Berlin 2009, Abb. 37 auf S. 55.
6 Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. SZ 43 ; Ausst.-Kat. Berlin 2009, Abb. 27 auf S. 46

Details zu diesem Werk

Kreide auf chamoisfarbenem Velin 298 x 227 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett. Erworben 2010 mit Mitteln der Campe'schen Historischen Kunststiftung, CC-BY-NC-SA 4.0 Inv. Nr.: 2010-8 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1850-1900 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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