Ernst Ludwig Kirchner

Kriegswitwen auf der Straße, 1914

Ab Oktober 1911 lebte Ernst Ludwig Kirchner in der pulsierenden Metropole Berlin. Die neuartigen Eindrücke des Großstadtlebens schlugen sich in den Bildthemen von Kirchners Malerei, Zeichnung und Druckgraphik nieder. Die Straßenszenen, entstanden in den Jahren von 1913 bis 1915, nehmen unter den Themen und Motiven des modernen Lebens einen zentralen Platz ein, verdichten sie doch die Erfahrung der Menschen im städtischen Raum.
Die hauptstädtischen Prachtstraßen mit ihren Cafés, Bars und Nachtlokalen waren Orte des Flanierens, Vergnügens und ebenso Anbahnungsorte der offiziell verbotenen Prostitution. Kirchner faszinierten die Figuren der herausgeputzten Kokotten. Diesen wurde die Interaktion mit potentiellen Kunden zu Anbahnungszwecken untersagt, doch waren sie mit ihren auffälligen Mänteln und verzierten Hüten weithin erkennbar. Kirchners Radierung Kriegswitwen auf der Straße stellt ebenfalls die Figur einer Kokotte in den Mittelpunkt, denn die Kriegswitwe firmierte als Chiffre der Prostituierten: Auch der der Witwentracht entliehene schwarze Schleier gehörte zu deren typischer Ausstattung, die zugleich den Anschein respektablen Auftretens aufrechterhielt. Zwischen der die Höhe des Blattes durchmessenden „Witwe“ und einer zweiten, abgewandten Kokotte am rechten Bildrand fügte Kirchner männliche Figuren in die Szenerie ein, die ohne Blickkontakt zueinander über die Trottoirs zu eilen scheinen. Noch bevor ihn Kirchners Radiernadel festhalten konnte, ist etwa der Raucher mit dem glockenförmigen Hut bereits wieder aus dem Bildausschnitt getreten, den die steil abfallende Linie der Straße durchschneidet. Die Dynamik des sich stets wandelnden Szenarios großstädtischer Straßenzüge vermitteln sowohl die stürzenden Linien wie auch die vereinfachten eckigen Körperformen. Kirchners Radierstrich umreißt weniger die Form als diese in sich verdichtenden Strichbündeln zu markieren, so dass die Grenzen der Figuren durch das Auslaufen der vibrierenden Schraffuren gebildet werden, die die Flüchtigkeit der Straßenszenen und zugleich die Spontaneität einer gezeichneten Skizze einfangen. Prägnante, tief eingegrabene und breite Linien wie im Schleier der „Kriegswitwe“ stehen neben feinen Linien. Im Vergleich mit im Holzschnitt aufgegriffenen, ähnlichen Motiven Kirchners erzeugt sein differenzierter Umgang mit den graphischen Mitteln der Radierung, zu denen auch der variierende Plattenton zählt, eine Wirkung, die die Schnelligkeit, Fluktuation und Erregtheit des Urbanen hervorhebt.

Judith Rauser

Details zu diesem Werk

Radierung (Zinkplatte) 249 / 254 x 192 mm / 196 mm (Platte) 356 x 280 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett. Erworben 2006 mit Mitteln der Campe'schen Historischen Kunststiftung Inv. Nr.: 2006-30 Sammlung: KK Druckgraphik, 20.-21. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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