Johann Christian Reinhart

Die Ruine der Burg Giebichenstein bei Halle an der Saale, um 1784

Im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle gibt es eine stattliche Sammlung von Zeichnungen und Druckgraphiken des bedeutenden Landschaftsmalers Johann Christian Reinhart, doch bislang fehlte eine Zeichnung in der Technik des Aquarells, die das Frühwerk dokumentiert. Diese Lücke konnte aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Fördervereins „Die Meisterzeichnung. Freunde des Hamburger Kupferstichkabinetts e. V.“ im Jahre 2005 endlich geschlossen werden.
Johann Christian Reinhart studierte zunächst Theologie in Leipzig und erhielt Malunterricht von Adam Friedrich Oeser. 1783 siedelte er nach Dresden über. 1785/86 lebte er erneut in Leipzig, wo er Freundschaft mit Friedrich Schiller schloss. Ab 1786 trat er in die Dienste des Herzogs Georg I. von Sachsen-Meiningen, 1789 reiste er schließlich nach Italien, wo er, ab 1801 verheiratet mit einer Römerin, in den Rest seines Lebens wirkte und sich neben Joseph Anton Koch zum bedeutendsten deutschen Landschaftsmaler des Spätklassizismus entwickelte.
Reinhart legte das Blatt in zwei übereinander liegenden Registern an. Oben zeichnete er zunächst mit der Feder eine skizzenhafte Ansicht des Flusses mit einigen Schiffen darauf, über dem sich die Burg Giebichenstein erhebt. Die Burgruine ist mit sparsam verwendeten, Aquarellfarben in zarten Pastelltönen als zentrales Motiv besonders herausgehoben. In der unteren Hälfte zeichnete Reinhart eine flache Wiesenlandschaft mit einem Graben im Vordergrund über den Holzbohlen als Brücke gelegt sind. Ein unspektakuläres, aber höchst reizvolles Motiv, mit dem der Künstler seiner Zeit voraus war.
Reinhart wanderte den Flusslauf der Saale entlang und schuf mindestens noch zwei weitere Ansichten der Ruine (Anm.1).
Die künstlerische Qualität der Aquarelle in Wien, Berlin und Hamburg entspricht den Rheinansichten des Künstlers, die dieser 1787 im Auftrag des Herzogs von Sachsen-Meinigen schuf (Anm.2).
Schon im Sommer 1784 hatte Reinhart sich in Halle an der Saale aufgehalten. Otto Baisch, der erste Biograph des Künstlers, überlieferte, dass er unterhalb der Burg Giebichenstein gesehen wurde, „wie er schön fleißig (..) gewesen sei“ (Anm.3). Während der Leipziger Jahre 1785/86 wanderte Reinhart weitere Male in das nahe Halle. Die Hamburger Zeichnung wird wohl 1785 entstanden sein, wie die im Format gleichgroße signierte, datierte und das Motiv exakt weiter ausarbeitende Kreidezeichnung in Görlitz nahe legt (Anm.4).

Andreas Stolzenburg

1 Wien, Albertina, Grafische Sammlung, vgl. Inge Feuchtmayr, Johann Christian Reinhart 1761-1847. Monographie und Werkverzeichnis, München 1975, S. 368, Nr. Z 276; Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, vgl. Feuchtmayr 1975, S. 343-344, Nr. Z 28, Abb., 134
2 F. Carlo Schmid, Johann Christian Reinhart. Rheinansichten 1787, Kleve 2002.
3 Johann Christian Reinhart und seine Kreise. Ein Lebens- und Culturbild, Leipzig 1882, S. 22.
4 Schwarze Kreide, 265 x 371 mm, „J. C. Reinhart f. 1785“, Görlitz, Städtische Kunstsammlungen; Feuchtmayr 1975, S. 350, Nr. Z 107

Details zu diesem Werk

Kreide in Schwarz, Feder in Grau, Aquarell 265 x 321 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett. Erworben 2005 aus Mitteln des Fördervereins 'Die Meisterzeichnung. Freunde des Hamburger Kupferstichkabinetts' anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Vereins (1980-2005) Inv. Nr.: 2005-71 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1800-1850 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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