Joseph Anton Koch

Serpentaralandschaft mit Hirten bei Feuer, um 1823/25

Auf einer felsigen Anhöhe hat sich eine kleine Gruppe von Hirten und Frauen mit ihren Tieren um ein Feuer versammelt. Steineichen, Sträucher und dornige Büsche wachsen auf dem kahlen Fels, von dem aus der Blick über eine weite, bergige Kalksteinlandschaft in die Ferne geht. Ein kleiner Bach im Bildvordergrund vervollständigt den Ort zu einem klassischen locus amoenus. Doch es ist keine Ideallandschaft, die Koch in dieser bildhaft ausgeführten Zeichnung komponiert hat. Vielmehr zeigt das Blatt jenes Arkadien, als dessen Entdecker der Maler in die Kunstgeschichte einging: 1800 erblickte Koch erstmals das oberhalb von Olevano in den Sabiner Bergen gelegene Eichenwäldchen Serpentara, das ihm mit seinem malerischen Reiz zum beliebten Motiv wurde. Auf ihrer Suche nach Authentizität fanden Koch und nach ihm unzählige Deutschrömer im kargen, immergrünen Bewuchs der Serpentara jenen „Urcharakter, wie man ihn beim Lesen der Bibel oder des Homer sich denken kann“ und stilisierten sie fortan zum Heiligen Hain oder mythischen Arkadien.

Neela Struck
'Die Serpentara [...] ist freilich ein Stück Erde, wie für den Maler besonders hergerichtet. Eine halbe Stunde von Olevano erhebt sich ein mit Eichen bewachsener Hügel, und zwischen seinen Klippen und zerstreuten Steinklötzen winden sich wilde Pfade auf und wieder herab. Ginster, Wachholder und wilde Rosen wachsen hie und da aus dem öden Gestein. Solche Terrainbildung, verbunden mit den malerisch sich gruppierenden Bäumen, gibt nun freilich höchst abwechselnde, formenreiche Vorgründe; von überwältigender Schönheit aber ist die nahe und ferne Umgebung. Zur Rechten, im Abend, das Gebirge der Aequer mit den kühnen Felsennestern Monte Compatri und Rocca di Gavi, weiterhin der schöne Monte Artemisio mit dem fernen Meere; im Süden das Volsker-Gebirge und gegen Morgen der mächtige Serone', schrieb Ludwig Richter in seinen Lebenserinnerungen (Richter 1886, S. 163) über das Eichenwäldchen 'La Serpentara', das ihm und vielen anderen Künstlerkollegen zum Inbegriff des Landschaftlichen geworden war.
Als der eigentliche künstlerische Entdecker des kleinen Dorfes Olevano östlich von Rom und der oberhalb des Ortes im Sabinergebirge gelegenen Serpentara darf aber Joseph Anton Koch gelten. Kurz nach 1800 erwanderte er erstmals diese Landschaft, 1804 war er zusammen mit Gottlieb Schick dort und lernte in Olevano seine Frau Cassandra Rainaldi kennen. Seitdem war die Umgebung von Olevano ein fester menschlicher und künstlerischer Bezugspunkt, die dortige Landschaft hatte für ihn, wie Koch 1826 in einem Brief an seinen Stuttgarter Freund Georg von Fischer schrieb, mythischen Charakter: 'Alldort hat die Natur einen Urcharakter, wie man ihn beim Lesen der Bibel oder des Homer sich denken kann' (zit. nach Ernst Jaffé: Joseph Anton Koch. Sein Leben und sein Schaffen, Innsbruck 1905, S. 97). Sie wurde zum Vorbild seiner eigenen 'heroischen' Landschaften, die er mit mythologischer oder biblischer Figurenstaffage inhaltlich aufwertete.
Einen künstlerischen Höhepunkt in seiner Auseinandersetzung mit der Natur Olevanos erreichte Koch nach 1820, als er in Gemälden und Zeichnungen die Serpentara zum eigentlichen Gegenstand seiner Darstellungen machte. Das Hamburger Blatt gehört zu jenen bildhaft ausgeführten, anspruchsvollen Werken auf Papier, in denen 'sich Koch auf dem Niveau seiner Regenbogenlandschaften bewegt, nun aber ist eine 'wirkliche' Naturansicht zum Träger seiner Vorstellung von einer heroisch-noblen Welt geworden, in der der Hirtenstand ursprünglichste Tätigkeit verkörpert' (Holst 1989, S. 80).
P.P.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun und Schwarz, Pinsel in Braun und Grau über Bleistift 403 x 588 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 1955-76 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1800-1850 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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