Caspar David Friedrich

Albumblatt, April 1789

Das Schriftblatt mit dem moralisierenden Text, der von dem Sprichwort „Wer nicht gehorchen lernt, lernt auch nicht befehlen“ angeregt ist (Anm. 1), gehört zusammen mit weiteren Schriftblättern aus den Jahren 1788 und 1789 zu den frühesten erhaltenen Werken Friedrichs. Alle Schriftblätter, zu denen noch vier weitere gehören (Anm. 2), geben erbauliche oder mahnende Texte wieder, die in pietistischer Tradition stehen. Sie zeigen alle den gleichen dreigeteilten Aufbau: Den aus zwei Schreibmeisterschnörkeln gebildeten Vögeln folgen die ersten Zeilen in Fraktur, danach folgt ein Block in lateinischer und zuletzt in deutscher Schrift. Ergänzt wird der Schriftspiegel durch die Signatur, der Ortsangabe und dem Datum. Da alle Schriftblätter vom jeweils Ersten eines Monats datieren – hier vom 1. April 1789 -, hat Helmut-Börsch-Supan vermutet, dass die Sprüche als „eine Losung für den Monat gemeint waren.“(Anm. 3) Sie schließen in ihrer Kalligraphie an traditionelle schmuckhafte Urkunden an, worauf Börsch-Supan und Mayumi Ohara hingewiesen haben. Besonders die Initiale und die Vögel lassen vermuten, dass Friedrich konkrete Vorlagen zur Verfügung standen. Im Werk Friedrichs leiten sie gleichsam über zu den anschließenden geometrischen Übungen.(Anm. 4)
Schriftblätter gehörten im 18. Jahrhundert zur Ausbildung; sie führten Schüler verschiedene Schriften und Zierformen vor, und vermittelten darüber hinaus Grundkenntnisse im Formulieren und Orthographie. Die sicher noch im Elternhaus entstandenen Schriftproben sind Zeugnisse dieser frühen Ausbildung (Anm. 5), in denen Friedrich verschiedene Schriftgrößen und –arten ausprobiert bzw. variiert, die in keinem Verhältnis zum Text stehen. Johannes Grave hat darauf hingewiesen, dass das Schriftbild sich oft der Semantik widersetzt, in dem der Schriftwechsel sich mitten in Sätzen oder auch innerhalb eines Wortes vollzieht.(Anm. 6) Ob dahinter allerdings bereits eine erste bewusste Andeutung des später in Friedrichs Werk zu beobachtenden Konflikts zwischen Form und Inhalt steht, weil „das im Bild Dargestellte und dessen ästhetische Gestaltung keineswegs immer harmonisch aufeinander abgestimmt sind“ (Anm. 7), muss offen bleiben.

Peter Prange

1 Vgl. etwa Johann Wolfgang von Goethe: Zahme Xenien IV, in: Poetische Werke. Berliner Ausgabe, Bd. 1, Berlin 1960, S. 671-672.
2 Schriftblatt, Bleistift, Feder in Schwarz und Braun, Aquarell, 215 x 320 mm, Greifswald, Pommersches Landesmuseum, Inv. Nr. K2/960, vgl. Grummt 2011, S. 58, Nr. 1, Abb.; Schriftblatt, Bleistift, Feder in Braun, Aquarell, 207 x 330 mm, Greifswald, Pommersches Landesmuseum, Inv. Nr. K2/718, vgl. Grummt 2011, S. 58, Nr. 2, Abb.; Schriftblatt, Bleistift, Feder in Grün und Braun, 201 x 322 mm, Greifswald, Pommersches Landesmuseum, Inv. Nr. K2/717, vgl. Grummt 2011, S. 58-59, Nr. 3, Abb.; Schriftblatt, Feder in Braun, Aquarell, 208 x 299 mm, Greifswald, Pommersches Landesmuseum, Inv. Nr. Gr 169/1970.B, vgl. Grummt 2011, S. 59, Nr. 4, Abb. Die Authentizität des von Grummt 2011, S. 931-932, Nr. III-1 als eigenhändig abgelehnten Schriftblatts in Greifswald wäre für die obere Hälfte noch einmal zu prüfen; die untere Hälfte stammt sicher nicht von Friedrich.
3 Börsch-Supan 1973, S. 46, Anm. 24. Christian Scholl: Romantische Malerei als neue Sinnbildkunst. Studien zur Bedeutungsgebung bei Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich und den Nazarenern, Berlin- München 2007, S. 303, verweist auf die Losungen der Herrnhuter.
4 Vgl. Grummt 2011, S. 61, Nr. 7-9, Abb.
5 Scholl 2007, S. 303, vermutet dagegen in den Schriftblättern eine „Art Therapie“, um den Tod von Friedrichs Bruder zu verarbeiten, der am 8. Dezember 1787 ertrunken war. Scholl hält es für denkbar, dass die darin thematisierten Gebote der Mäßigkeit, der Pflicht, das Wort Gottes zu lehren, die Bezähmung der Sinnlichkeit, und die Vorsicht und den Gehorsam, die Thema des Hamburger Blattes sind, zur Erklärung und Bewältigung im Sinne einer Trauerarbeit verwendet wurden. Auch wenn offen bleiben muss, ob die Blätter tatsächlich eine solche Funktion hatten, verweisen ihre moralisierenden Texten auf die protestantische Frömmigkeit des Elternhauses, in dem Friedrich eine streng lutherische religiöse Erziehung erhielt.
6 Johannes Grave: Caspar David Friedrich, München 2012, S. 36.
7 Grave 2012, S. 37.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun über Bleistift, Aquarell 202 x 318 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, CC-BY-NC-SA 4.0 Inv. Nr.: 1930-305 Sammlung: KK Zeichnungen, Deutschland, 1800-1850 © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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