Giovanni Battista Piranesi

Architekturphantasie, 1750er Jahre

Mit 24 Zeichnungen Piranesis besitzt das Kupferstichkabinett einen der weltweit größten Bestände dieses wohl wichtigsten europäischen Graphikers des 18. Jahrhunderts. Besonders faszinierend sind die Studien für seine berühmteste Graphikserie, die um 1750 und 1761 in zwei Fassungen erschienenen Carceri (Gefängnisse). Piranesi visualisiert dabei wie in der vorliegenden virtuosen Zeichnung Räume, die sich der gewohnten rationalen Seherfahrung entziehen. Mauern, Rampen, Treppen, Bögen, Gewölbe und Pfeiler sind auf eigentümliche Weise übereinandergestellt und ineinander verschachtelt, womit permanent physikalischen Gesetzen widersprochen wird. Piranesi verarbeitet Einflüsse des durch die Familie Bibiena populär gewordenen „Bühnenbildes über Eck“ sowie Architekturphantasien seiner Zeit zu einem einzigartigen, nie vorher gesehenen Irrgarten kolossaler Architektur. Seine fernab jeglicher Realisierung stehenden visionären Labyrinthe faszinieren und irritieren die Menschen seit mehr als 250 Jahren.

David Klemm
Die vom Format her kleine Zeichnung beeindruckt durch die Kraft der Phantasie, mit der Piranesi hier einen über Eck gesehenen Irrgarten kolossaler Architektur entwarf. Unverkennbar steht der Künstler damit in der spätbarocken Tradition der durch die Familie Galli Bibiena weit verbreiteten „Scena per angolo“ („Bühnenbild über Eck“), doch sind in dieser Raumauffassung rational begreifbare Strukturen aufgehoben.(Anm. 1) Die Zeichnung hängt zusammen mit zwei Tafeln der „Carceri“, in der diese Phänomene auf die Spitze getrieben sind. Das Motiv der winklig aufeinander treffenden Hängebrückenteile findet sich in ähnlicher Form auf der Radierung „Die Zugbrücke“ (Tafel VII der II. Auflage). Das mächtige freistehende Quadermauerwerk mit Bogenöffnungen und beeindruckenden Balkenverstrebungen findet seine Entsprechung auf dem Blatt mit dem sogenannten Gotischen Bogen (Tafel XIV der II. Auflage).
Umstritten ist, ob dieses Blatt nun die Grundidee zu den Radierungen der ersten, wohl 1749/50 entstandenen Fassung enthält oder zwischen der ersten und der zweiten Auflage der „Carceri“ aus dem Jahr 1761 entwickelt wurde.(Anm. 2) Für eine Entstehung in der Frühphase des Projekts haben John Wilton-Ely (Anm. 3) und Andrea Bettagno (Anm. 4) plädiert. Dagegen haben Andrew Robison (Anm. 5) und Patricia May Sekler (Anm. 6) die spätere Lösung favorisiert. Wilton-Ely stellte sich den Schaffensprozess für die Radierung ausgehend von der Hamburger Zeichnung über ein Blatt in Edinburgh (Anm. 7) zu einem dritten Blatt in London (Anm. 8) vor. Robison wollte nur das Londoner Blatt als frühe Vorzeichnung zulassen, zu der Varianten in Hamburg und Edinburgh entwickelt worden sind.(Anm. 9) Diese Entwicklungslinie erscheint aus stilistischen Gründen plausibel, denn das Londoner Blatt kann überzeugend in die Mitte der 1740er Jahre datiert werden. In den Blättern in Edinburgh und Hamburg erkannte Robison Piranesis Zeichenstil der mittleren bzw. späten 1750er Jahre. Tatsächlich deuten die kraftvolle, vibrierende Zeichenweise und die dunkle Gesamtwirkung des Hamburger Blattes auf die zweite Fassung der Carceri hin. Es kann demnach als Weiterentwicklung oder Variante der ersten Carceri-Serie eingestuft werden. Bekanntermaßen erweiterte Piranesi die Serie in der zweiten Ausgabe um zwei Blätter. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass das Hamburger Blatt auch für den Druck geplant war, dann aber verworfen wurde.
Zur Montierung vgl. Inv.-Nr. 1915-638.

David Klemm

1 Venedigs Ruhm im Norden. Die großen venezianischen Maler des 18. Jahrhunderts, ihre Auftraggeber und Sammler, Ausst.-Kat. Hannover, Forum des Niedersächsischen Landesmuseums, Kunstmuseum Düsseldorf, Hannover 1991 , S. 354 (Beitrag Meinolf Trudzinski).
2 Ebd.
3 Piranesi, bearb. v. John Wilton-Ely, Ausst.-Kat. London, The Arts Council of Great Britain, London 1978, Nr. 194 (Beitrag John Wilton-Ely).
4 Disegni di Giambattista Piranesi, bearb. v. Alessandro Bettagno, Cataloghi di Mostre 41, Ausst.-Kat. Venedig, Fondazione Giorgio Cini, Vicenza 1978, S. 36–37, Nr. 20 (Beitrag Andrea Bettagno).
5 Andrew Robison: Piranesi. Early Architectural Fantasies, A Catalogue Raisonné of the Etchings, Washington, Chicago 1986, S. 41.
6 Patricia May Sekler: Notes on Old and Modern Drawings. Giovanni Battista Piranesi’s „Carceri“ Etchings and related Drawings, in: The Art Quarterly 25, 1962, S. 331-363 , S. 346.
7 Edinburgh, National Gallery of Scotland, Inv.-Nr. D 1858.
8 London, British Museum, Department of Prints and Drawings, Inv.-Nr. 1908-6-16–8.
9 Andrew Robison: Piranesi. Early Architectural Fantasies, A Catalogue Raisonné of the Etchings, Washington, Chicago 1986, S. 41.

Details zu diesem Werk

Feder in Braun, Rötel, braun laviert; montiert und mit Rahmung versehen (Feder in Braun) 153 x 217 mm (Blatt) Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Inv. Nr.: 1915-648 Sammlung: KK Zeichnungen, Italien, 15.-19. Jh. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Christoph Irrgang

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